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Fehlstart! Dorothee Bärs eigenartiges Datenschutzverständnis

„Wir brauchen … endlich eine smarte Datenkultur vor allem für Unternehmen. Tatsächlich existiert in Deutschland aber ein Datenschutz wie im 18. Jahrhundert.“ Dieser Satz stammt nicht etwa von dem Vertreter einer der viel gescholtenen Datenkraken aus den USA, sondern von Dorothee Bär (CSU), der designierten Staatsministerin „für Digitales“ der neu aufgelegten großen Koalition. Ihr zentrales Projekt besteht offensichtlich darin, die sensibelsten Daten weltweit verfügbar zu machen, etwa Patientendaten: „Und auch im Gesundheitsbereich liegen so viele Chancen! Könnten Daten deutscher Patienten mit weltweiten Datenbanken abgeglichen werden, wäre eine Diagnose oft schneller da, als sie zehn Ärzte stellen können,“ meinte sie in einem Interview mit der Bild-Zeitung vom 5. März 2018.

Auch wenn das nicht so gemeint war: Datenschutz hat etwas zu tun mit grundlegenden Wertvorstellungen, die im 18. Jahrhundert – formuliert wurden und die, müsste man meinen, auch heute noch das Fundament unserer freiheitlichen Gesellschaft bilden: Die von Jean-Jacques Rousseau geprägte Vorstellung von Menschenrechten, bürgerlicher Freiheit und Selbstbestimmung. Sie sind in die im Jahr 1776 in die Bill of Rights von Virginia und von der französischen Nationalversammlung am 26. August 1789 beschlossene Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte eingeflossen. Datenschutz ist nichts anderes als die Gewährleistung des Selbstbestimmungsrechts im digitalen Zeitalter. Nicht umsonst billigt das Bundesverfassungsgericht seit seinem Volkszählungsurteil von 1983 jedem Menschen ein „Grundrecht auf informationelle Selbstbestimmung“ zu. Die Grundrechte auf Wahrung der Privatsphäre und den Schutz der personenbezogenen Daten sind zudem durch Art. 7 und Art. 8 der Charta der Grundrechte der Europäischen Union direkt anwendbares Recht in allen Mitgliedstaaten der EU.

In der regierungsseitig offensichtlich angestrebten „smarten Datenkultur“ ist für Bedenkenträgerei von Datenschützern offensichtlich kein Platz. Während sich sogar bei US-Unternehmen, nicht zuletzt aufgrund der Neuregelungen im europäischen Datenschutzrecht, allmählich die Auffassung durchsetzt, ohne Datenschutz ließen sich in Zukunft keine guten Geschäfte mehr machen, gibt es in der Bundesregierung offensichtlich die Tendenz, den Schutz personenbezogener Daten auf dem Altar der Profitabilität zu opfern. Zudem sei daran erinnert, dass sich maßgebliche Vertreter der bisherigen Bundesregierung, allen voran Bundesinnenminister Thomas de Maizière, massiv dafür eingesetzt haben, sämtliche Verarbeitungsmöglichkeiten, die der Wirtschaft zur Verfügung stehen, auch staatlichen Stellen zu erlauben.

Man darf gespannt sein, wie sich der Koalitionspartner der Unionsparteien, die SPD, zu einer derartigen Marschrichtung stellt – schließlich hatte sie sich ja einiges darauf zugute gehalten, in der Koalitionsvereinbarung die eine oder andere Formulierung zum Schutz der Bürger und Verbraucher vor der Datenübermacht durchgesetzt zu haben.

Eine Digitalisierung, die auf der umfassenden Überwachung und maximalen Ausnutzung persönlicher Daten beruht, wäre ein Fluch und kein Segen. China macht das gerade mit der Einführung eines umfassenden Social Scoring Systems vor. Deshalb gilt es, dafür einzutreten, dass sich die grundlegenden Werte einer freiheitlichen Gesellschaft auch in der Digitalstrategie im 21. Jahrhundert wiederfinden. Dazu gehört auch der Datenschutz.

Ihr Peter Schaar

Brauchen wir eine Digitalcharta?

Am 1. Dezember 2016 veröffentlichten verschiedene Zeitungen ganzseitige Anzeigen unter der Überschrift „Wir fordern digitale Grundrechte – Charta der digitalen Grundrechte der Europäischen Union“. Bei dieser „Digitalcharta“ handelt es sich um die Zusammenstellung von Forderungen bzw. Vorschlägen, die sich nicht auf reine Individualrechte beschränken, sondern auch staatliches und unternehmerisches Handeln umfassen. Das erkennbare Ziel der Autorinnen und Autoren ist es, eine Diskussion darüber anzustoßen, wie unsere grundlegenden Werte, Grund- und Menschenrechte in einer zunehmend durch digitale Technik geprägten Welt bewahrt werden können. Sie greifen damit ein weit verbreitetes Unbehagen auf, das nicht auf die überschaubare Netzcommunity beschränkt ist. Zugleich setzen sie einen Kontrapunkt zu unreflektierter Technikbegeisterung und weltfremden Versprechungen einer Rückkehr in eine vermeintlich gute alte Zeit ohne Globalisierung und Digitaltechnik.

Immer lauter hört man aus dem Silicon Valley das hohe Lied der „Disruption“, die Begeisterung über die revolutionäre Veränderung der Wirtschaft und unserer Lebensverhältnisse durch digitale Technik. In der Tat lässt sich kaum leugnen, dass die von der Digitalisierung bewirkten Veränderungen vergleichbar sind mit denjenigen der industriellen Revolution des 18. und 19. Jahrhunderts. Bestehende gesellschaftliche Ungleichheiten und Konflikte verschärfen sich und sie werden überlagert von neuen, bisher unbekannten Fragestellungen.

Die mit der Digitalisierung verbundenen Problemstellungen gehen weit über den Datenschutz hinaus, der bereits in der EU verfassungs- und einfachgesetzlich normiert ist (Art. 8 EU-Grundrechtecharta, Datenschutzgrundverordnung). So wichtig der Datenschutz weiterhin bleibt, so bedeutsam ist es, dass wir uns – wie die Digitalcharta es tut – auch mit den anderen Folgen der Digitalisierung auseinandersetzen.

In den letzten Jahren ist es zu einer in der Geschichte unvergleichlichen auf Informationen und Daten basierenden globalen Machtkonzentration bei Unternehmen und staatlichen Stellen gekommen, welche die ungeheuren Informations- und Datenbestände kontrollieren. Gefahren für Freiheits- und Menschenrechte gehen längst nicht mehr allein vom staatlichen „Leviathan“ aus. Auch weltweit agierende Internetunternehmen setzen nach eigenen Interessen Regeln über den Zugang zu Informationen und den Umgang mit ihnen. Sie nutzen dabei Unterschiede zwischen den Rechtsordnungen und Steuersystemen aus.

Spätestens seit den Enthüllungen Edward Snowden ist nicht mehr zu leugnen, dass auch staatliche Stellen, insbesondere aus dem Kreis der Sicherheitsbehörden, an den enormen privatwirtschaftlich angehäuften Informations- und Datenschätzen partizipieren. Viele nachrichtendienstliche Überwachungsaktivitäten erfolgen im Ausland, um der Rechtsbindung durch nationale Verfassungen und Gesetze und der gerichtlichen und parlamentarischen Kontrolle zu entgehen. Grund zum Handeln gibt es also genug.

Dass kollektive Erfahrungen und neue Probleme zur Überprüfung gesellschaftlicher Sichtweisen und Regeln führen, ist kein einmaliges Phänomen. Zahlreiche Aufrufe, Verfassungsdokumente und Grundrechtskataloge belegen dies, etwa die Magna Charta aus dem Jahr 1215, die US-Verfassung von 1788, das westdeutsche Grundgesetz von 1949 bis hin zur Charta der Grundrechte der Europäischen Union aus dem Jahr 2001. Alle diese Dokumente sind in erster Linie (in juristische Sprache gekleidete) politische Manifeste, die teils fundamental mit der vorigen Rechtsordnung brechen oder sie fortschreiben sollen. In dieser Tradition versteht sich offenbar die Digitalcharta.

Ob die Vorschläge in absehbarer Zeit vom Europäischen Parlament beschlossen und Eingang in die EU-Grundrechtecharta finden werden, ist höchst unsicher. Unabhängig davon ist es aber an der Zeit, dass unser politisches System die digitalen Herausforderungen aktiv bearbeitet. Die Debatte darüber ist jedenfalls eröffnet!

Sollen Grundrechte auch vor Machtmissbrauch durch Private schützen?

Die Digitalcharta ist unmittelbar nach ihrer Veröffentlichung heftig kritisiert worden. Eine besonders heiß diskutierte Frage ist, ob Grundrechte nicht nur gegenüber staatlichen Stellen sondern auch gegenüber privaten Stellen gelten sollen, wie dies Art. 1 Abs. 3 vorsieht.

„(3)  Die Rechte aus dieser Charta gelten gegenüber staatlichen Stellen und Privaten.“

Juristen sprechen in diesem Zusammenhang von „Drittwirkung“. Die traditionelle deutsche Verfassungslehre verneint eine direkte Drittwirkung der Grundrechte des Grundgesetzes.

Historisch wurden die Grund- und Menschenrechte als Instrumente gegen staatliche Willkür erkämpft. Sie begrenzen staatliche Machtausübung gegenüber den Bürgern. Diese Funktion als „Abwehrrechte“  gegenüber dem Staat ist auch heute noch von herausragender Bedeutung. Aber sie wird überlagert von objektiv-rechtlichen Aspekten, insbesondere dem Menschen- und Gesellschaftsbild des Grundgesetzes, das selbst eine Drittwirkung nicht explizit ausschließt.

Die Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts zur Menschenwürde und zum allgemeinen Persönlichkeitsrecht belegt die überragende Bedeutung des Grundgesetzes und insbesondere der Grundrechte bei der einfachen Gesetzgebung und bei der Auslegung von Gesetzen, die „im Lichte der Grundrechte“ zu erfolgen hat.

Besonders deutlich wird die Absicht des Grundgesetzes, privates Handeln zu steuern, beim Grundrecht auf Eigentum:

„Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen.“ (Art. 14 Abs. 2 GG)

Mir erscheint es sinnvoll, die Sozialpflichtigkeit des Eigentums im Hinblick auf die digitalen Herausforderungen zu konkretisieren. Wenn man den ungeheuren Einfluss und die überragende Definitionsmacht heutiger digitaler Plattformen berücksichtigt, wäre ist geradezu fahrlässig, die durch Grundrechte beabsichtigte Machtbegrenzung nur auf staatliche Akteure zu beziehen. Auch Unternehmen haben die Menschenwürde zu achten, sie haben bei den der Allgemeinheit zur Verfügung gestellten Diensten die Meinungsfreiheit zu garantieren, Diskriminierung zu unterlassen und für Transparenz zu sorgen.

Allerdings lassen sich derartige Rechtsfortbildungen sinnvollerweise nicht mehr allein durch nationales Recht realisieren, sondern auf internationaler oder zumindest europäischer Ebene. Deshalb halte ich es für richtig, dass die Digitalcharta einen EU-weiten Regelungsanspruch formuliert. Der Blick über den deutschen Tellerrand zeigt zudem, dass die Diskussion über die Drittwirkung von Grundrechten in der Europäischen Union weitaus weniger intensiv geführt wird als in der deutschen Rechtswissenschaft. Unter dem Begriff der „horizontalen Wirkung“ bejaht etwa der Europäische Gerichtshof die direkte Anwendbarkeit von EU-Recht – auch von Grundrechten – auf das Verhältnis zwischen Privaten, soweit eine EU-Rechtsvorschrift hinreichend präzise formuliert ist. Eine entsprechende Klausel, die klarstellt, dass bestimmte digitale Rechte (und Pflichten) auch gegenüber Privaten anzuwenden sind, wäre also durchaus konsequent und zulässig.

Verbesserungsbedarf

Die Autoren der Digitalcharta haben zur Diskussion ihrer Vorschläge aufgerufen. In der Tat sind nicht alle Artikel der vorgeschlagenen Digitalcharta gleichermaßen gelungen. Kritisch sehe ich insbesondere die widersprüchlichen Ausführungen zur Meinungsfreiheit und Öffentlichkeit in Art. 5:

„(1) Jeder hat das Recht, in der digitalen Welt seine Meinung frei zu äußern. Eine Zensur findet nicht statt.
(2) Digitale Hetze, Mobbing sowie Aktivitäten, die geeignet sind, den Ruf oder die Unversehrtheit einer Person ernsthaft zu gefährden, sind zu verhindern.
(3) Ein pluraler öffentlicher Diskursraum ist sicherzustellen.
(4) Staatliche Stellen und die Betreiber von Informations- und Kommunikationsdiensten sind verpflichtet, für die Einhaltung von Abs. 1, 2 und 3 zu sorgen.“

Für bedenklich halte ich die im zweiten Absatz vorgesehenen Einschränkungen der Meinungsfreiheit und des Zensurverbots. Es stellt sich die Frage, wie die Tatbestände der digitalen „Hetze und Mobbing sowie Aktivitäten, die geeignet sind, den Ruf oder die Unversehrtheit einer Person ernsthaft zu gefährden“ zu verstehen sind.

Wer einmal Ziel aggressiver Kritik, Anmache bis hin zum Shitstorm geworden ist, empfindet eine solche Situation als unangenehm. Trotzdem wäre es falsch, darauf mit einem generellen Verbot zu reagieren. In einer pluralen Demokratie müssen wir auch unsachliche Äußerungen und Wut anderer ertragen, ohne nach dem Staatsanwalt oder Foren-Zensor zu rufen.

Zudem darf nicht außer Acht gelassen werden, dass die Meinungsfreiheit vor dem Hintergrund unterschiedlicher historischer Erfahrungen international verschieden eingeschätzt wird. Die vorgeschlagenen Regelungen implizieren, dass nicht nur unzulässige, sondern auch nicht strafbare Meinungsäußerungen in der digitalen Welt zu verhindern seien. Dies wird der überragenden Bedeutung der Informations- und Meinungsfreiheit in der demokratischen Gesellschaft nicht gerecht.

Verschärft wird dieses Problem dadurch, dass nicht etwa eine nachträgliche Löschung verlangt wird, sondern die generelle Verhinderung solcher Äußerungen. Dies würde letztlich doch auf Zensur hinauslaufen.

Zudem sind die Adressaten entsprechender Verpflichtungen nicht zu Ende gedacht. So sollen nicht nur „staatliche Stellen“, sondern auch die Betreiber von Kommunikations- und Informationsdiensten für die Durchsetzung sorgen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Autoren einer durchgängigen Inhaltskontrolle im Sinne von „deep packet inspection“ das Wort reden, aber leider lassen sich die Formulierungen genau so auslegen.

An Stelle der missverständlichen Regelungen sollte Art. 5 daher umformuliert werden:

„…(2) Dieses Recht kann durch gesetzliche Bestimmungen beschränkt werden, soweit dies zum Schutz berechtigter persönlicher oder gesellschaftlicher Interessen unerlässlich ist. … (4)

Die Betreiber von Plattformen, die dem öffentlichen Informations- und Meinungsaustausch dienen, sind verpflichtet, unzulässige Beiträge zu löschen, sobald sie von ihnen Kenntnis erlangt haben.“

Peter Schaar

Internationale Datenschutzkonferenz fordert „neue Metrik“ im Datenschutz

Die Vertreter von Datenschutzbehörden aus aller Welt haben sich bei ihrer 38. Konferenz in Marokko mit Fragen der Künstlichen Intelligenz, des „social roboting“ und der Kryptographie befasst. Sie beschlossen Entschließungen zur Messung des Datenschutzniveaus, zur digitalen Bildung, zur Bedeutung der Menschenrechte und zur grenzüberschreitenden  Kooperation der Datenschutzbehörden. Alle Ergebnisse sind abrufbar auf der Website der internationalen Datenschutzkonferenz.

Angesichts immer neuer Forderungen aus dem Kreis der Sicherheitsbehörden und ihrem Umfeld nach umfassenderen Maßnahmen zur Kommunikationsüberwachung ist bedeutsam, dass die meisten auf der Konferenz angehörten Experten aus der Wissenschaft und Wirtschaft sich gegen Hintertüren und eingebaute Schwachstellen in Krypto-Systemen aussprachen, mit denen sich verschlüsselte Verbindungen überwachen Lassen. Es sei nicht auszuschließen, dass die für die Sicherheitsbehörden eingebauten Schnitt- und Schwachstellen auch außerhalb der rechtlich zulässigen Schranken verwendet und auch für Dritte zugänglich sein würden. Zudem könnten kriminelle und terroristische Netzwerke eigene, sichere Kryptomechanismen einsetzen, während die IT-Sicherheit normaler Nutzer geschwächt würde. In dem Kommuniqué des Exekutivkommitees der Konferenz heißt es dazu:

„Conference members heard that most industry and technical experts do not favour the introduction of selective vulnerability to cryptographic programmes, to enable properly authorised law enforcement access, because such solutions introduce complexity, and complexity reduces security for everyone. Nor are regulated solutions of commercially available products likely to prevent bad actors from “going dark”, given that many of those most motivated to protect their communications from law enforcement and intelligence agencies have the capability to access or develop their own strong crypto.“

In einer Entschließung forderte die Internationale Datenschutzkonferenz die Entwicklung einer „neuen Metrik“ für den Datenschutz. Ausgehend von Forderungen der OECD sollten Maßstäbe entwickelt werden, mit denen das Datenschutzniveau auf internationaler Ebene gemessen und vergleichbar gemacht werden kann.

In einer weiteren Entschließung betont die Konferenz die Notwendigkeit zur Verteidigung der Menschenrechte, speziell des Menschenrechts auf Wahrung der Privatsphäre. Im Einzelnen fordert die Konferenz:

„1. Acknowledge that the work of human rights defenders is important to building a solid, lasting democratic society, and that rights defenders play a significant role in the process of fully achieving the rule of law and the strengthening of democracy.
2. Promote a greater awareness of the Declaration on Human Rights Defenders.
3. Encourage governments to give better effect to the Declaration domestically.
4. Continue to promote transparency and independent supervision in areas of government surveillance to support democratic institutions and an informed civil society.
5. Encourage governments to provide and promote safe and effective channels for individuals to report poor privacy practices, to seek redress for breach of data protection rules, or disproportionate action against the rights to privacy and data protection.
6. Acknowledge that independent and sufficiently empowered privacy and data protection authorities are essential to protect human rights defenders.
7. Support efforts by the UN Human Rights Council and the UN Special Rapporteur on the right to privacy concerning the promotion, protection and enjoyment of human rights, in particular on the Internet.
8. Promote cooperation between privacy and data protection authorities and International, Regional and National Human Rights Institutions.“

Tagungsbericht vom Steinmüller Workshop 2016: Informatisierung der Welt

Von Hansjürgen Garstka,
– Gründer und Ehrenvorsitzender der EAID,
Berliner Beauftragter für Datenschutz und Informationsfreiheit a.D. –

Informatisierung der Welt. Steinmüller Workshop 2016
Europäische Akademie für Informationsfreiheit und Datenschutz
Berlin, 19. Mai 2016

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Tagungsbericht

Im Gedenken an Wilhelm Steinmüller, den am 1. Februar 2013 verstorbenen Wegbereiter der Auseinandersetzung mit den gesellschaftlichen Auswirkungen der Elektronischen Datenverarbeitung in Deutschland, trafen sich im Rahmen der Europäischen Akademie für Informationsfreiheit und Datenschutz Berlin  am 19. Mai 2016 zum vierten Mal Weggefährten, Schüler und Freunde, um aktuelle Probleme der Informationsgesellschaft zu diskutieren. Das diesjährige Thema lehnte sich an den Wortgebrauch Steinmüllers an, der richtigerweise nicht von der Digitalisierung, sondern von der Informatisierung der Welt sprach. In seinem Lebenswerk „Informationstechnologie und Gesellschaft“  handelte er unter diesem Thema Probleme der „Informatisierten Wirtschaft und Sozialwelt“, des „Informierten Staates“, der „Informatisierten Arbeit“ und der „Informatisierten Weltgesellschaft“ ab (S. 547 ff.). Die Beiträge zu dem Workshop folgten diesem Schema.

Zu Beginn jedoch erinnerte Wolfgang Kilian an den im Oktober 2015 verstorbenen Herbert Fiedler, einem weiteren Protagonisten der juristischen Informatik, wie er, sich abgrenzend von Steinmüllers Rechtsinformatik, dieses Gebiet nannte. Kilian hob die Bedeutung der juristischen Logik und der mathematischen Betrachtungsweise in Fiedlers Werk hervor, die auch in seiner langjährigen Funktion als Leiter der Forschungsstelle für Juristische Informatik und Automation bei der vormaligen Gesellschaft für Mathematik und Datenverarbeitung in Sankt Augustin zum Ausdruck kam. Auch sein Engagement im Fachbereich Recht und Verwaltung der Gesellschaft für Informatik sowie in der Gesellschaft für Rechts- und Verwaltungsinformatik haben viel zur Fortentwicklung des Gebietes beigetragen.

Als Paradigma für die „Informatisierte Wirtschaft“ zeigte zunächst Joachim Rieß auf, wohin der Weg von „Industrie 4.0“ führt. Dieser nur in Deutschland gebräuchliche Begriff (Wolfgang Coy wird ihn in einem späteren Diskussionsbeitrag als zu einseitig bezeichnen) markiere die auf Mechanisierung, Elektrifizierung und Automatisierung folgende Autonomisierung und Vernetzung als nächste Stufe der ökonomischen Entwicklung. Nahe liegender Weise erläuterte der Konzerndatenschutzbeauftragte von Daimler-Benz diesen Schritt anhand der „Digitalen Transformation des Fahrzeugs“, die auf Miniaturisierung, Fließbandtechnik und Entwicklung hoher Sicherheitstechnik folge. Mobile, ständig im on-line-Modus befindliche Geräte, der Einsatz einer Vielzahl von Sensoren, simultane Lokalisierbarkeit, das Entstehen „cyber-physischer Systeme“ kennzeichneten die Entwicklung.  Hinzu komme die Individualilisierung der Produkte. Der „Datenmensch“ entstehe als „alter ego“, die Welt werde für unsere Bedürfnisse gefiltert, neue Erlebensräume würden eröffnet (z.B. durch 3-D-Visualisierung). Risiken sah Rieß im Hoheitsanspruch über die Filterprozesse, der nationalen Abschottung und der Nationalisierung des Internets, der Entstehung asymmetrischer Kriege, der anschwellenden digitalen Kriminalität. Neue Herausforderungen für den Datenschutz entstünden, wie die Frage des Eigentums an Daten und Informationen, neue Verantwortlichkeits- und Haftungsfragen.

Wolfgang Schimmel wandte sich dem Problem des „Bezahlens mit – anonymen? – Daten“ zu. Er wies darauf hin, dass Daten etwa im Adresshandel schon immer Handelsware waren. Das Kunsturhebergesetz kenne den Geldwert von Bildern. Schadensersatzforderungen beim Missbrauch von Informationen oder Lizenzgeschäfte seien weitere Beispiele für die Monetarisierung. Internetanbieter nutzten die Daten dagegen aufgrund Allgemeiner Geschäftsbedingungen gratis, Facebook lasse sich sogar eine „uneingeschränkte Lizenz“ erteilen. Die kostenlose Preisgabe der Daten werde durch die Drohung mit der Zurückweisung der Anmeldung erzwungen, die Nutzung der Daten bleibe im Dunkeln. Auf diese Weise verkauften die Nutzer „ihre Seele“ als „Schnäppchen“. An Hand der Sage vom Regensburger „Bruckmandl“ erläuterte Schimmel das Problem, seine Seele zurückzuholen – gegen die teuflischen Internetgiganten wie in der Sage zwei Hähne und einen Hund loszuschicken, wird wohl nicht ausreichen.

Der „Verfügungsbefugnis über marktfähige personenbezogene Daten“ widmete sich auch Wolfgang Kilian. Zunächst müsse die Frage gestellt werden, was informationelle Selbstbestimmung mit Marktprozessen zu tun hat. Jedenfalls sei eine unmittelbare Drittwirkung nicht möglich. International werde das deutsche Verständnis des Allgemeinen Persönlichkeitsrechts nicht verstanden. Kilian stellte sodann 13 Thesen zur Erstellung der Marktfähigkeit von Daten auf. Darunter: Zu berücksichtigen seien die Funktionsdefizite der Einwilligung, die Problematik müsse vielmehr auf die Vertragsebene übergeleitet werden. Zivilrechtliche Verfügungsbefugnisse setzten eine Zuordnung zu Eigentum bzw. property rights voraus. Parallelen zum Immaterialgüterrecht müssten gezogen werden. Das Immaterialgut müsste hierzu neu definiert werden, u.U. könnten aus dem Zollrecht Anregungen gewonnen werden. Der Lizenznehmer sei als Nießbraucher zu betrachten. Die Rechte müssten durch Privacy by design und Privacy by default durchgesetzt werden. Auch spezielle Verwertungsgesellschaften seien denkbar. Die Schranken der Rechte etwa im Hinblick auf Nutzung, Fairness, Forschung, öffentliche Sicherheit seien zu bestimmen, die Rolle von Anonymisierungspflichten sei zu bedenken.

Zur Informatisierung in der Sozialwelt steuerte Alexander Dix einen Beitrag zur „Entsolidarisierung durch die Digitalisierung des Menschen“ bei. Er verwies auf den wachsenden Markt von Gesundheitsapps und Trackinggeräten. Schlaf, Schweiß, Laufstrecken würden gemessen. Krankenkassen würden bei bestimmten Werten Prämien gewähren. Die Kfz-Versicherer interessierten sich mehr und mehr für den Fahrstil der versicherten Personen. Es stellten sich Fragen nach der Qualität und der Aussagekraft der gesammelten Daten, es könne zu Risikoverschiebungen kommen (beim Laufen Risiken für die Knochen statt für das Herz), es gebe Überlistungsmöglichkeiten. Vor allem liege in der Berücksichtigung der Daten bei der Prämengestaltung ein Verstoß gegen das Solidaritätsprinzip. So lasse das SGB V keine Bevorzugung gesund Lebender zu. Auch die Freiwilligkeit stehe in Frage, das Koppelungsverbot von Art. 7 Datenschutz-Grundverordnung sei zu beachten. Insgesamt könne  in der Sammlung dieser Gesundheitsdaten eine Vorstufe zur zentralen Gesundheitssteuerung gesehen werden, wie sie in China mit dem „citizen score“ derzeit aufgebaut wird.

Der informatisierte Staat wird vor allem durch die Sicherheitsbehörden mit ihren Überwachungsmaßnahmen repräsentiert. Hansjörg Geiger zeigte hierzu die „Verfassungsrechtlichen Grenzen der Überwachung der internationalen Telekommunikation durch den BND“ auf. Ausgangspunkt sei die Erkenntnis der Vorratsdatenspeicherungs-Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts, nach der jede Kenntnisnahme, Auswertung und Verwendung von Kommunikationsdaten einen Grundrechtseingriff darstelle. Grenzen könnten nur ein Gesetz bestimmt werden, das besonderen Anforderungen an die Verhältnismäßigkeit und Normenklarheit genügen muss. Geiger erläuterte sodann die „strategischen“ Beschränkungen des G-10-Gesetzes, nach dem die Überwachungsbefugnisse auf den Telekommunikationsverkehr von und nach Deutschland beschränkt seien. Nur 20 % des Verkehrs dürfe einbezogen werden. Im Ergebnis sei eine flächendeckende Überwachung nach dem G-10-Gesetz nicht gestattet. In Diskussion sei die Frage nach der Zulässigkeit der Überwachung in einem Drittland oder zwischen Drittländern. Die Bundesregierung vertrete die These des „offenen Himmels“ und halte sie für zulässig. Dagegen sei zu halten, dass Art. 1 Absatz 3 Grundgesetz zwar keine Aussage zum räumlichen Geltungsbereich mache, aber Völkerrecht, v.a. die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte zu beachten sei. Auch sei der Gebietskontakt durch Empfangs- und Auswertungsgeräte zu berücksichtigen. Das Bundesverfassungsgericht selbst lasse Art. 10 eingreifen, sobald Telekommunikationsdaten von deutschen Behörden in Deutschland erhoben, wie auch immer verarbeitet oder übermittelt werden. Im Ergebnis müsse Art. 10 daher auch für den „offenen Himmel“ grundsätzlich immer gelten. Allerdings könnten die Regelungen hier großzügiger ausgelegt werden. Jedenfalls dürfe der BND nicht weiterhin in einer Grauzone arbeiten.

Carl-Eugen Eberle befasste sich, angeregt durch einen Zeitungsbeitrag über die Nutzung der Sozialen Medien durch die Partei AfD, mit der allgemeinen Frage nach dem  Einfluss der Sozialen Medien auf die öffentliche Meinungsbildung. Dabei sei auffällig, dass der dort verbreitete Vorwurf der „Lügenpresse“, der sich auch gegen den Rundfunk richte, gerade in einem Medium erhoben werde, das selbst lügenanfällig ist. Die Selbstreferenzialität durch Likes bei Facebook spiele ebenso eine Rolle wie die Erzeugung von Entrüstungspotential durch Gerüchte und falsche Tatsachenbehauptungen. All dies werde noch begünstigt durch anonym oder gar automatisch generierte Beiträge. Im Gegensatz zum öffentlichen Rundfunk, der strengen journalistischen Regeln unterworfen ist, unterlägen diese Aktivitäten keinerlei Kontrolle. Das stelle die Frage, „ob wir nicht die falschen Türen überwachen“. Es sei notwendig, dass das Medienrecht auf diese Situation reagiere.

Im Rahmen des Bereichs „Informatisierte Arbeit“ trug Klaus Fuchs-Kittowski zur „Digitalisierung der Arbeitswelt – zur Stellung und Verantwortung des Menschen in hochkomplexen informationstechnologischen Systemen“ bei. Ausgangspunkt müsse sein, dass der Mensch im Mittelpunkt der Wirtschaftsinformatik stehen müsse. In der Auseinandersetzung mit den Propagandisten der Vollautomatisierung müsse die „technische Immunität“ angegriffen werden. Der Leitsatz müsse sein: „Gebt dem Automaten, was des Automaten ist, gebt dem Menschen, was des Menschen ist“ und nicht „…gebt dem Menschen, was übrig ist“. Die weitgehende Automatisierung führe zu einer Entwertung der menschlichen Arbeit. Der Druck, mit elektronischen Medien arbeiten zu müssen, führe zu einer immer stärkeren Arbeitsverdichtung. Die Bedeutung des Menschen sehe man besonders in riskanten Situationen, in denen der Mensch einen größeren Spielraum habe als eine Maschine. Dies sei wichtig besonders im Hinblick auf die Störanfälligkeit von Maschinen, die sich auch beim „ubiquitous computing“ zeigen werde: Je mehr Informationsquellen genutzt werden, desto größer werde die Störanfälligkeit („Paradoxie der Sicherheit“). Anzustreben sei nicht Vollautomation, sondern ein verantwortliches Zusammenwirken zwischen Mensch und Maschine.

Zum Themenbereich „Informatisierte Weltgesellschaft“ erläuterte Peter Schaar zunächst „Das regulatorische Territorialdilemma der globalen Informationsgesellschaft“.  Die Globalisierung habe seit 1995 deutliche Veränderungen hinsichtlich ihrer Auswirkungen auf die Datenverarbeitung verursacht. Während in jener Zeit umfangreiche Datenübermittlungen eher die Ausnahme und lokale Regelungen angemessen gewesen wären, seien dezentrale Verfahren heute eher die Ausnahme. Nicht nur von Institutionen wie dem US-Geheimdienst NSA, sondern auch von Wirtschaftsunternehmen gingen globale Bedrohungen aus. Unsere jetzigen Regelungen bezögen sich aber immer noch auf die frühere Situation. Die weltweit erhobene Forderung nach einer „digitalen Souveränität“ führe zu einer Daten-Relokalisierung, wie sie die USA bereits seit langem praktiziere. Erforderlich sei dagegen eine Globalisierung der rechtlichen Vorgaben. Durch UN-Aktivitäten seien deutliche Grenzen zu setzen. Die Menschenrechtsbindung müsse unabhängig von Hoheitsgebieten und der Nationalität der Betroffenen durchgesetzt werden. Schaar verwies auf den Bericht der Hohen Kommissarin für Menschenrechte der UN, Navi Pillay, nach dem Menschenrechte nur durchgesetzt werden könnten, wenn die einzelnen Staaten sich verpflichten, sie auch außerhalb ihrer eigenen Landesgrenzen zu beachten  (The Right to Privacy in the Digital Age, Juli 2014).

Schließlich beschrieb Klaus Lenk „Die Herausbildung einer weltweiten privaten Rechtsordnung: Akteure und ihre Gestaltungsspielräume“. Diese von zivilen Einrichtungen geschaffenen Rechtsordnungen, die in Konkurrenz zur staatlichen stehen,  würden Oberhand gewinnen. Kennzeichnend für sie sei die folgenreiche Nutzung von vier Steuerungsinstrumenten: (1) Imperatives Recht werde durch zwingende Technikregulierung abgelöst. (2) Eine unsichtbare Rekonfigurierung der physischen und informationellen Umgebung des Menschen führe zu einer „gebremsten Individuation“. (3) Entscheidungen beruhten auf einem „maschinellen“ Anfangsverdacht. (4) Diffuse, feingranulare nicht-staatliche Überwachungsszenarien entstünden. Dahinter stehe die „kalifornische Ideologie“, die geprägt sei durch Weltverbesserungsstreben, Technikgläubigkeit und Geschäftemacherei. Folgende staatliche Spielräume verblieben:  Entnetzung (Dinge müssen isoliert funktionieren), Resilienz (Gestaltung robuster, verantwortbarer Strukturen), Herstellung von Nachvollziehbarkeit. Insgesamt seien die Handlungsspielräume größer als vermutet. Hierzu müsse der „Enteignung des Willens durch Digitalisierung“ begegnet, der damit zusammenhängende Fatalismus überwunden und die Frage gestellt werden, „ob wir noch Alternativen denken können“.

Public Reporting im Gesundheitswesen: Datenmonopole darf es nicht geben

Das folgende Interview habe ich für das „Spotlight Gesundheit“ (Januar 2016) der Bertelsmann-Stiftung gegeben (Interviewer war Dr. Stefan Etgeton)
Drei Fragen zum Public Reporting im Gesundheitswesen
an den ehemaligen Bundesbeauftragten für Datenschutz und
Informationsfreiheit Peter Schaar

Frage: Ist es legitim, Anbieter im Gesundheitswesen einer öffentlichen Rechenschaftspflicht zu unterwerfen?

Schaar: Selbstverständlich. Die Bereitstellung einer effektiven Gesundheitsversorgung gehört zu den sozialen Mindeststandards, die nach der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte universell zu garantieren sind. Insofern ist die öffentliche Kontrolle darüber, wie Gesundheitsdienstleistungen erbracht werden, erforderlich. Transparenz erleichtert zudem dem medizinische Hilfe suchenden Menschen, sich in voller
Kenntnis der Chancen, Risiken und Kosten für oder gegen eine Therapie
zu entscheiden.
Frage: Wie verträgt es sich mit der Rechenschaftspflicht, dass Daten im Gesundheitswesen zu einem von den Akteuren monopolisierten Gut geworden sind?
Schaar: Gesundheitsdatenmonopole darf es nicht geben. Das gilt für die Qualitätskontrolle genauso wie für die verursachten Kosten. Zudem sind Ärzte, Krankenhäuser und andere Gesundheitsdienstleister gegenüber ihren Patienten rechenschaftspflichtig. Der Anspruch auf Auskunft über die zur eigenen Person gespeicherten Daten gehört zudem zu den unabdingbaren Datenschutzrechten. Wer den Betroffenen entsprechende Angaben vorenthält, handelt rechtswidrig.
Frage: Wenn Patienten die eigentlichen Eigner der Gesundheitsdaten sind, diese also quasi ein öffentliches Gut darstellen – wie lassen sich Datenschutz und Informationsfreiheit hier in Einklang bringen?
Schaar: Mit der aus dem amerikanischen Rechtsraum stammenden Ansicht, Daten als Eigentumstitel zu betrachten, kann ich mich nicht anfreunden. Sie führt dazu, dass die Daten»eigner« meinen, mit den Daten frei hantieren, sie unbegrenzt nutzen oder verkaufen zu können. Unser europäisches Rechtsverständnis sieht in dem Schutz der persönlichen Daten ein Grundrecht – Eingriffe sind nur auf Basis einer expliziten gesetzlichen Erlaubnis oder der ausdrücklichen Einwilligung des Betroffenen zulässig. Deshalb sind die personenbezogenen Gesundheitsdaten auch kein »öffentliches Gut«. Anders sieht es mit anonymen Gesundheitsdaten aus: Wofür eine Klinik ihr Geld ausgibt, wie hoch die Komplikationsrate ist und welche Therapien angeboten werden, sollte öffentlich gemacht werden. Das verhindert der Datenschutz nicht.

EuGH zu Safe Harbor: Kein Grundrechterabatt beim internationalen Datentransfer

Das Urteil des Europäischen Gerichtshofs (EuGH) in der Sache Schrems gegen den Irischen Datenschutzbeauftragten wirkt weit über den eigentlichen Streitgegenstand hinaus. Die Irische Datenschutzbebehörde muss der Frage nachgehen, ob Facebook Irland die personenbezogenen Daten seiner Nutzer in die Vereinigten Staaten weitergeben darf. Die Entscheidung betrifft auch die deutschen Facebook-Nutzer, denn Facebook Ireland ltd. mit Sitz in Dublin bietet seinen Service für die meisten Länder – mit Ausnahme Nordamerikas – rechtlich von Irland aus an. Deren Daten werden aber gleichwohl in den USA verarbeitet – im Wege der „Datenverarbeitung im Auftrag“.

Die für die Datenschutzkontrolle bei Facebook Irland zuständige Irische Datenschutzbeauftragte kann sich einer solchen Überprüfung nicht mit dem Hinweis darauf entziehen, dass die EU-Kommission  in ihrer „Safe Harbour“-Entscheidung vom 26. Juli 2000 den Vereinigten Staaten ein angemessenes Datenschutzniveau bescheinigt hat, jedenfalls soweit sich die Datenempfänger zu den „Grundsätzen eines sichern Hafens“ bekennen, wie dies seitdem mehr al 3000 US-Unternehmen getan haben.

Das höchste EU-Gericht hat festgestellt, dass die Safe-Harbour-Vereinbarung nicht den Anforderungen von Art. 7 und 8 der EU-Grundrechtecharta genügt, die die Grundrechte auf Datenschutz und Privatsphäre garantieren. Letztlich unbegrenzte Zugriffsmöglichkeiten von US-Geheimdiensten auf Daten europäischer Herkunft verletzten den Kernbereich der Grundrechte. Ihre sehr weit gehenden Befugnisse widersprächen zudem den grundlegenden Anforderungen an ein rechtsstaatliches Verfahren, denn Betroffene EU-Bürger hätten keinen Anspruch darauf, in den USA Auskunft über die Datenverarbeitung staatlicher Stellen zu erlangen und die entsprechenden Zugriffe und die anschließende Datenverarbeitung gerichtlich überprüfen zu lassen. Das Safe Harbour Abkommen sei deshalb ungültig.

Für Facebook und die übrigen Unternehmen, die sich in den vermeintlich sicheren Hafen geflüchtet haben, bedeutet das Urteil zunächst, dass die Verarbeitung personenbezogener Daten, die aus der EU übermittelt wurden, nicht mehr der Vermutung unterliegen, sie würden in Übereinstimmung mit dem EU-Datenschutzrecht verarbeitet (Art. 25 der EU-Datenschutzrichtlinie von 1995). Sie benötigen für den Datentransfers grundsätzlich die Genehmigung durch die zuständigen Datenschutzaufsichtsbehörden der EU-Mitgliedstaaten. Die Datenschutzbehörden dürfen diese Genehmigung nur erteilen, wenn der Datenempfänger – bezogen auf die jeweiligen personenbezogenen Daten – ein angemessenes Datenschutzniveau gewährleistet. Dieser Nachweis dürfte insbesondere denjenigen Unternehmen schwer fallen, die an der Massenüberwachung durch US-Geheimdienste mitgewirkt haben.

Schwer vorstellbar ist, dass Facebook, Microsoft, Google & Co. einfach auf ein anderes Instrument „umschalten“ können, das die Angemessenheit des Datenschutzes garantieren soll, etwa auf die sog. „Standardvertragsklauseln„, die ebensowenig wie der „sichere Hafen“ vor staatlicher Überwachung schützen. Die vom EuGH formulierten Anforderungen sind auch auf sie anwendbar.

Auch die Änderung der Vertragsbestimmungen mit den Nutzern in der Weise, dass diese in die mögliche Überwachung durch die NSA und andere Behörden einwilligen, wäre keine Lösung. Zwar haben Betroffene grundsätzlich die Möglichkeit, in das Eingehen besonderer Risiken einzuwilligen, auch soweit diese den Umgang mit ihren Daten betreffen. Die Einwilligung kann jedoch nur dann eine wirksameRechtsgrundlage für die Verarbeitung personenbezogener Daten sein, wenn die Nutzer der Tragweite der Einwilligung bewusst sind (Transparenz), sie frei von jedem Zwang erfolgt (tatsächliche Freiwilligkeit) und sie jederzeit zurückgenommen werden kann.

Eine pauschale Einwilligung in umkfassende staatliche Überwachung durch einen Drittstaat, verbunden mit dem Verzicht auf Rechtsschutz und auf das nach EU-Recht unabdingbare Auskunftsrecht bezüglich der eigenen Daten wäre deshalb unwirksam.

Wie könnte also eine Lösung aussehen?

Kurzfristig müssen die betroffenen Unternehmen – sowohl die Absender als auch die Empfänger personenbezogener Daten – dafür sorgen, dass die ihnen anvertrauten Daten nicht weiter Gegenstand der Massenüberwachung sind: Durch Kryptographie, Standortenscheidungen für Server und anderer Netzkomponenten und ggf. durch Wechsel von Geschäftspartnern, etwa bei der Auftragsdatenverarbeitung oder bei der Erbringung sonstiger IT-Dienstleistungen.

Längerfristig besteht der einzige Weg darin, den in Art. 12 der UN-Menschenrechtserklärung, in der EU-Grundrechtecharta und in vielen Verfassungen demokratischer Staaten garantierten Grund- und Menschenrechte auf Privatsphäre und Datenschutz endlich global durchzusetzen. Die notwendigen Änderungen beschränken sich dabei nicht auf die Vereinigten Staaten, sie betreffen auch Europa. Auch hier folgen Geheimdienste der absurden Vorstellung, möglichst alles zu wissen und deshalb alles und jeden zu überwachen, um damit vermeintlich mehr Sicherheit zu schaffen (was bekanntlich nicht einmal in autoritären Regimes jemals geklappt hat).

Nicht ein angeblich „überzogener“ Datenschutz gefährdet den Welthandel und die Informationsgesellschaft, sondern überbordende Massenüberwachung!

Mit freundlichen Grüßen, Peter Schaar

Vgl. auch meinen Blog-Eintrag zum Votum des Generalanwalts

Datenschutz ist Menschenrecht : UN-Entschließung nur ein erster Schritt!

Schon seit langem fordern Datenschützer aus aller Welt internationale Standards zum Schutz der Privatsphäre – bislang allerdings ohne durchschlagenden Erfolg. Aber erst seit dem Bekanntwerden der umfassenden Überwachungsaktivitäten der amerikanischen NSA und des britischen GCHQ ist Bewegung in die internationale Diskussion gekommen. Ohne die auf Edward Snowden zurückgehenden Enthüllungen wäre die am 18. Dezember von der UN-Generalversammlung einstimmig angenommen Erschließung zum Datenschutz ganz bestimmt nicht zu Stande gekommen.

Zwar ist die von Deutschland und Brasilien initiierte Entschließung nach Intervention der US-Regierung und anderer Mitglieder im exklusiven Überwachungsclubs der „five eyes“ teilweise entschärft worden. Trotzdem enthält die von der Generalversammlung angenommene Resolution „Das Recht auf Privatheit im digitalen Zeitalter“ die deutliche Botschaft: Der Schutz der Privatsphäre ist ein internationales Menschenrecht, das auch und gerade in Zeitalter der globalen Kommunikation weltweit garantiert werden muss. Die Staaten sind verpflichtet, „die vollständige Einhaltung ihrer Verpflichtungen nach den internationalen Menschenrechtsnormen“ sicherzustellen.

Die Genaralversammlung zeigt sich „tief besorgt u?ber die nachteiligen Auswirkungen, die das Überwachen und/oder Abfangen von Kommunikation, einschließlich des extraterritorialen Überwachens und/oder Abfangens von Kommunikation, sowie die Sammlung personenbezogener Daten, insbesondere wenn sie in massivem Umfang durchgefu?hrt werden, auf die Ausübung und den Genuss der Menschenrechte haben können.“

Die Generalversammlung fordert die Staaten auf, „Maßnahmen zu ergreifen, um Verletzungen dieser Rechte ein Ende zu setzen und die Bedingungen dafu?r zu schaffen, derartige Verletzungen zu verhindern, namentlich indem sie sicherstellen, dass die einschlägigen innerstaatlichen Rechtsvorschriften mit ihren Verpflichtungen nach den internationalen Menschenrechtsnormen im Einklang stehen“. Zwar werden die für die exzessive Überwachung verantwortlichen Geheimdienste nicht namentlich genannt, doch ist klar, dass sich Botschaft auch und vor allem in Richtung USA und Großbritannien richtet, deren Geheimdienste sich bei der globalen Überwachung besonders hervorgetan haben.

Beachtlich ist auch, dass das Thema Überwachung auf der Tagesordnung der UN-Gremien bleiben soll. So soll die UN-Menschenrechts-Kommissarin dem Menschenrechtsrat und der Generalversammlung einen „Bericht u?ber den Schutz und die Förderung des Rechts auf Privatheit im Kontext des innerstaatlichen und extraterritorialen Überwachens und/oder Abfangens von digitaler Kommunikation und Sammelns personenbezogener Daten, namentlich in massivem Umfang, samt Auffassungen und Empfehlungen“ vorlegen.

Zwar hat die Resolution – wie alle Entschließungen der UN-Generalversammlung – keine bindende Wirkung. Gleichwohl darf ihre Bedeutung nicht unterschätzt werden. Das Ziel muss eine verbindliche Regelung im internationalen Recht sein, die den heimischen und extraterritorialen Überwachungsaktivitäten enge Grenzen setzt.

Ihr
Peter Schaar