Privatheit versus Gesundheit ? – wo Harari irrt

Der Historiker Yuval Noah Harari hat im Gespräch  mit dem SPIEGEL (13/2020) die Auffassung vertreten, „in einer Zukunft der künstlichen Intelligenz, …, in der alle biometrischen  und sozialen Daten erfasst würden, in einer Welt der totalen Überwachung, wie sich die KP in China sie wünscht, hätte der Ausbruch der Corona-Epidemie verhindert werden können. Medizinischer Fortschritt sei, so Harari, eine der großen Versprechungen der künstlichen Intelligenz. Wie die Menschen sich entscheiden würden, wenn man sie fragte: Privatheit oder Corona ? Natürlich würde, sagt Harari, die Gesundheit gewinnen.“

Harari spricht zu Recht von den großen Versprechungen der künstlichen Intelligenz im medizinischen Bereich. Aber in zwei Punkten irrt er: die schon heute in der Volksrepublik China herrschende nahezu totale Überwachung hat den Ausbruch der Epidemie nicht verhindern können und es ist mehr als zweifelhaft, ob eine weitere Steigerung im Sinne einer Totalerfassung aller medizinischen, sozialen und mobilitätsbezgenen Daten dieses Ziel in absehbarer Zukunft wird erreichen können. Die darin zum Ausdruck kommenden Allmachtsphantasien erinnern an die von Sicherheitspolitikern immer wieder (und verstärkt nach 9/11) geäußerte Vision, dass erweiterte Datenspeicherung und -nutzung durch Behörden zu einer Gesellschaft ohne Kriminalität führen würde.

Selbst wenn künstliche Intelligenz jemals nachweisbar den Ausbruch von Epidemien verhindern könnte, müsste stets gefragt werden, welche Auswirkungen das auf den Freiheitshaushalt einer demokratischen Gesllschaft hätte. Wir müssen gegenwärtig drastische Einschränkungen unserer Bewegungsfreiheit hinnehmen, um besonders gefährdete Mitmenschen vor lebensgefährlicher Erkrankung und das Gesundheitssystem vor Überforderung zu schützen. Die allermeisten Bürgerinnen und Bürger in Europa akzeptieren dies zu Recht. Was sie aber nicht akzeptieren würden, wäre eine flächendeckende Erfassung aller Vitaldaten, Bewegungsprofile und Informationen über die Normbefolgung jedes Einzelnen. In einem Gemeinwesen, das seine Mitglieder – auch zum Schutz der „Volksgesundheit“ – auf Schritt und Tritt überwacht, ist ein gesundes Zusammenleben nicht mehr möglich.

Alexander Dix

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