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DSAnpUG-EU: Datenschutzbehörden müssen zukünftig draußenbleiben

In der heutigen Anhörung des Bundestags-Innenausschusses zum „Datenschutzanpassungs- und Umsetzungsgesetz EU“ (DSAnpUG-EU), mit dem das deutsche Datenschutzrecht an die Vorgaben der neuen europäischen Datenschutzregelungen angepasst werden soll, wurde auch über eine brisante Neuregelung gesprochen, die bisher wenig Aufmerksamkeit hatte, obwohl sie von zentraler Bedeutung für den Schutz der Privatsphäre ist:

Wenn es nach der Bundesregierung geht, wird die Datenschutzkontrolle bei „Berufsgeheimnisträgern“ drastisch eingeschränkt. In § 29 Abs. 3 des Regierungsentwurfs heißt es:

„Gegenüber den in § 203 Absatz 1, 2a und 3 des Strafgesetzbuchs genannten Personen oder deren Auf-tragsverarbeitern bestehen die Untersuchungsbefugnisse der Aufsichtsbehörden gemäß Artikel 58 Absatz 1 Buch-stabe e und f der Verordnung (EU) 2016/679 nicht, soweit die Inanspruchnahme der Befugnisse zu einem Verstoß gegen die Geheimhaltungspflichten dieser Personen führen würde.“

Die Mitarbeiter der Aufsichtsbehörden hätten keinen Anspruch mehr, Krankenhäuser, Arzt- und Tierarztpraxen, Anwalts- oder Notariatskanzleien, Apotheken, Steuerberatungs- und Buchführungsbüros oder Suchtberatungsstellen zu betreten, um vor Ort die Datenverarbeitung zu prüfen. Nicht mehr effektiv prüfbar wären auch Unternehmen der privaten Kranken-, Unfall- oder Lebensversicherung oder einer privatärztlichen, steuerberaterlichen oder anwaltlichen Verrechnungsstelle. Die Aufsichtsbehörden hätten auch keinen Zugang mehr zu den sensiblen Daten, die in diesen Bereichen verarbeitet werden. Keine Prüfung soll es auch bei Auftragsdatenverarbeitern dieser Einrichtungen geben, etwa bei Cloud Services, die medizinische Daten verarbeiten, bei der DATEV oder bei Apothekenrechenzentren.

In diesen für den Datenschutz zentralen Bereichen könnten die Datenschutzbehörden nur noch allgemeine Befragungen hinsichtlich der Datenverarbeitung durchführen, aber keinen Einblick in Datenbanken oder übertragene Informationen nehmen und sie könnten Behauptungen der Berufsgeheimnisträger bzw. der Geschäftsleitungen zum konkreten Umgang mit personenbezogenen Daten nicht mehr nachprüfen.

Die von den Regierungsfraktionen vorgesehene Neuregelung wäre ein fatales Signal gegenüber allen, denen ein effektiver Schutz der Privatsphäre wichtig ist. Ein derartiger aufsichtsfreier Raum widerspricht den Vorgaben des Bundesverfassungsgerichts, das eine lückenlose Kontrolle der Einhaltung der datenschutzrechtlichen Vorschriften durch unabhängige Datenschutzbehörden für unverzichtbar hält.

Die Regierungsfraktionen von CDU/CSU und die SPD haben heute überraschend angekündigt, den Gesetzentwurf noch in dieser Woche in 2. und 3. Lesung im Bundestag zu behandeln. Ob und inwieweit  so kurzfristig noch substanzielle Änderungen erfolgen, erscheint mir eher als unwahrscheinlich.

Mit freundlichen Grüßen

Peter Schaar

Welcome to the State of Emergency!

Wenn Angela Merkel am 13. März 2017 in die USA reist, betritt sie ein Land im Ausnahmezustand. Im Ausnahmezustand sind die USA nicht erst seit dem Amtsantritt Donald Trumps, sondern seit dem 11. September 2001, dem Datum der terroristischen Anschläge auf New York und Washington. Am 14. September 2001 ermächtigten Senat und Repräsentantenhaus den US-Präsidenten in einem nur sechzig Worte umfassenden Gesetz, mit „notwendiger und angemessener Gewalt“ gegen Länder, Organisationen und Personen vorzugehen, „welche die Terrorangriffe angezettelt, geplant, autorisiert, begangen, unterstützt und durchgeführt haben oder solchen Personen Zuflucht gewährt haben.“ Am selben Tag erklärte Präsident Bush rückwirkend ab dem 11. September den Ausnahmezustand („state of emergency“).  und daran anknüpfende militärische Anordnungen. Diese Ermächtigungen gelten bis heute. Sie statteten den US-Präsidenten mit zusätzlicher Macht aus, über seine ohnehin schon weitreichenden Befugnisse in „normalen Zeiten“ hinaus.

Viele der Überwachungsmaßnahmen, von denen die Welt erst im Jahr 2013 durch die Enthüllungen Edward Snowdens Kenntnis genommen hat (auch wenn es entsprechende Hinweise schon sehr viel früher gab), basieren auf diesen Notstandsbefugnissen. Genauso wie das Gefangenenlager auf Guantanamo Bay, wo den Gefangenen im „Global War on Terror“ nicht nur jeglicher Rechtsschutz verweigert wird, sondern auch der Status von Kriegsgefangenen nach der Genfer Konvention. Auch die „extralegalen Tötungen“ – man könnte auch sagen: Morde – mittels Drohnenangriffen in Staaten, mit denen die USA nicht im Krieg sind, werden fortgesetzt und vieles spricht dafür, dass in Deutschland gelegene Kommandozentralen des US-Militärs dabei eine wichtige Rolle spielen.

Nicht nur George W. Bush hat die ihn eingeräumten Notstandsbefugnisse genutzt, sondern auch sein Nachfolger Barrack Obama und auch der jetzige Präsident Donald Trump. Seinen „Muslim Ban“ – die Einreisesperre gegen Menschen aus verschiedenen Ländern mit moslemischer Mehrheit – hat Trump als wichtige Maßnahme gegen den Terrorismus gekennzeichnet. Genauso rechtfertigt übrigens der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan sein rabiates Vorgehen gegen Journalisten und andere Kritiker mit dem „Kampf gegen den Terrorismus“ – nach seinen Maßstäben ist sogar der Bürgermeister der baden-württembergischen Stadt Gaggenau, der ein Wahlkampfveranstaltung eines türkischen Ministers aus Sicherheitsbedenken untersagte, ein Terrorhelfer.

In Frankreich gilt der Ausnahmezustand (état d’urgence) seit November 2015, als die Regierung auf die koordinierten islamistischen Anschläge auf Restaurants und die Konzerthalle Bataclan in Paris reagierte. Die Türkei und Frankreich haben für die Dauer des Ausnahmezustands die Europäische Menschenrechtscharta „suspendiert“. Verhaftungen, Durchsuchungen, Demonstrationsverbote und andere Grundrechtseingriffe sind währenddessen auch ohne richterliche Genehmigung zulässig.

Wird also Angela Merkel mit Präsident Trump darüber sprechen, dass der Ausnahmezustand und die damit verbundenen Grundrechtseinschränkungen und Menschenrechtsverletzungen mit dem westlichen Verständnis von Rechsstaatlichkeit und Demokratie unvereinbar sind? Eher nicht, denn auch Deutschland hat auf terroristische Bedrohungen seit mehr als 15 Jahren mit immer tieferen Grundrechtseinschränkungen reagiert: Polizei und Geheimdienste wurden mit immer weiter gehenden zusätzlichen Befugnissen ausgestattet, sie haben Zugang zu vielfältigen Daten – bei Banken, Reisebüros, Telefongesellschaften. Unsere Telekommunikationsdaten werden auf Vorrat gespeichert, wir reisen mit Pässen und Personalausweisen, in denen biometrische Merkmale gespeichert werden.

Die Aufrüstung des Sicherheitsapparats geht weiter: Nach dem Anschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt am 19. Dezember 2016 hat die Bundesregierung im Schnelldurchgang weitere Gesetze beschlossen. Die Videoüberwachung in „großflächigen Anlagen und im öffentlichen Personenverkehr“ soll ausgeweitet werden. Es soll ein umfassender Datenverbund zwischen den Polizeibehörden des Bundes und der Länder geschaffen werden, bestehende Zweckbegrenzungen für bestimmte Dateien mit besonders sensiblen Daten werden aufgehoben. Fluggesellschaften, Buchungszentralen und Reisebüros müssen zukünftig eine Vielzahl von Passagierdaten an eine neu einzurichtende „Fluggastdatenzentralstelle“ übermitteln, wo die Daten nach verdächtigen „Mustern“ abgeglichen werden. Das Bundesamt für Migration soll den Zugriff auf die informationstechnischen Systeme immer dann verlangen können, wenn sich der zuständige Sachbearbeiter davon nützliche Erkenntnisse“ über den Asylbewerber verspricht, weil sie „für die Feststellung seiner Identität und Staatsangehörigkeit von Bedeutung sein können“. Eine richterliche Anordnung dieses tiefen Eingriffs in die Grundrechte der Asylbewerber ist nicht vorgesehen.

Der Ausnahmezustand ist also längst zum Normalzustand geworden, nicht nur in den USA, sondern auch bei uns. Das ist der eigentliche Grund, warum Angela Merkel den Ausnahmezustand in den USA mit seinen fatalen Folgen wohl nicht mit Donald Trump besprechen wird.

Neues Asylgesetz: Warum das Auslesen von Smartphones ein schwerer Grundrechtseingriff ist

Immer häufiger wird darüber berichtet, dass Behörden Einblick in elektronische Gerätschaften und die darauf gespeicherten Daten nehmen wollen. Dies betrifft zum einen Strafverfahren, aber zunehmend auch andere Bereiche, etwa die Kontrolle von Reisenden durch US-Grenzbehörden oder – jüngstes Beispiel – die Bearbeitung von Asylanträgen und die Durchsetzung der Ausreisepflicht abgelehnter Asylbewerber.

Das Bundeskabinett hat am  20. Februar 2017  den Entwurf eines „Gesetzes zur besseren Durchsetzung der Ausreisepflicht“ beschlossen. Neben anderen Maßnahmen enthält es eine Regelung, die den Asylbewerber dazu verpflichtet,

„ …im Falle des Nichtbesitzes eines gültigen Passes oder Passersatzes an der Beschaffung eines Identitätspapiers mitzuwirken und auf Verlangen alle Datenträger, die für die Feststellung seiner Identität und Staatsangehörigkeit von Bedeutung sein können und in deren Besitz er ist, den mit der Ausführung dieses Gesetzes betrauten Behörden vorzulegen, auszuhändigen und zu überlassen“ (§ 15 Abs. 2 Nr. 6 Asylgesetz).

Die Neuregelung wird wie folgt begründet:

„Die Identitätsprüfung ist bei Personen ohne Ausweisdokumente oft langwierig und fehleranfällig. Um die Identitätsprüfung zu erleichtern, kann die Auswertung von Datenträgern, wie Mobiltelefonen, Tablets und Laptops, wichtige Erkenntnisse liefern. Entsprechende Hinweise lassen sich in zunehmendem Maße nicht nur Mobiltelefonen, sondern auch anderen Datenträgern, die die Betreffenden mit sich führen, entnehmen. So können etwa die Adressdaten in dem Mobiltelefon eines ausreisepflichtigen Ausländers beziehungsweise gespeicherte Verbindungsdaten aufgrund der Auslandsvorwahl wesentliche Hinweise auf eine mögliche Staatsangehörigkeit geben.“

Das Bundesverfassungsgericht hatte bereits in seiner Entscheidung zur „Online-Durchsuchung“ am 22. Februar 2008 (1 BvR 370/07) festgestellt, dass die Nutzung informationstechnischer Systeme für die Persönlichkeitsentfaltung vieler Bürger von zentraler Bedeutung ist und zugleich neuartige Gefährdungen der Persönlichkeit mit sich bringt:

„Eine Überwachung der Nutzung solcher Systeme und eine Auswertung der auf den Speichermedien befindlichen Daten können weit reichende Rückschlüsse auf die Persönlichkeit des Nutzers bis hin zu einer Profilbildung ermöglichen. Hieraus folgt ein grundrechtlich erhebliches Schutzbedürfnis.“

Dieses Schutzbedürfnis ist vergleichbar mit dem durch Art. 10 Grundgesetz geschützten Fernmeldegeheimnis und der durch Art. 13 Grundgesetz garantierten Unverletzlichkeit der Wohnung. Um dem Rechnung zu tragen, hat das Gericht aus dem allgemeinen Persönlichkeitsrecht ein Grundrecht auf Gewährleistung der Vertraulichkeit und Integrität informationstechnischer Systeme abgeleitet, das so genannte „Computergrundrecht“. Weitere Grundrechtspositionen, die ihr zu beachten sind, ergeben sich aus dem Datenschutz (Grundrecht auf informationelle Selbstbestimmung) und dem Schutz des Kernbereichs der privaten Lebensgestaltung.

Wenn man bedenkt, dass  seit dieser Entscheidung neun Jahre vergangen sind, in denen sich die Informationstechnik dramatisch weiterentwickelt hat, hat die Bedeutung des Schutzes der  technisch generierten und gespeicherten Informationen dramatisch zugenommen. Dies gilt insbesondere für die seinerzeit kaum verbreiteten Smartphones, die inzwischen verschiedenste Funktionen in sich vereinen und die über nahezu unerschöpfliche direkte oder indirekte (Cloud) Speichermöglichkeiten verfügen.

Behörden oder sonstige Stellen, die Einsicht in Smartphones, Laptops und Tablet Computer nehmen, verschaffen sich damit Zugang zum gesamten digitalen Abbild des Lebens der Nutzer.  Im konkreten  Anwendungsfall – im Asylverfahren –  ist damit zu rechnen, dass auf Smartphones und Tablet Computern eine Vielzahl höchst sensibler Informationen gespeichert sind,  welche die Erlebnisse, Kontakte und Gefühle der  Asylbewerber offen legen, genauso wie vielfältige . Zudem befinden sich darauf vielfach  Informationen über anwaltliche Beratungen, die Konsultation von Hilfseinrichtungen für Traumatisierte, zu Menschenrechtsorganisationen oder Flüchtlingsinitiativen.

Das Bundesamt für Migration darf den Zugriff auf die informationstechnischen Systeme nicht nur dann verlangen, wenn dies für die Identitätsfeststellung unabdingbar ist. Die Verpflichtung zur Aushändigung greift immer schon  dann, wenn sich der zuständige Sachbearbeiter davon nützliche Erkenntnisse“ über den Asylbewerber verspricht, weil sie „für die Feststellung seiner Identität und Staatsangehörigkeit von Bedeutung sein können“.

Zwar soll die Auswertung der Daten gemäß dem neuen § 15a Asylgesetz „nur zulässig (sein), soweit dies für die Feststellung der Identität und Staatsangehörigkeit des Ausländers … erforderlich ist und der Zweck der Maßnahme nicht durch mildere Mittel erreicht werden kann.“ Im Hinblick auf das von der Neuregelung verfolgte Ziel ist zu erwarten, dass die Datenauswertung stets dann erfolgt, wenn von dem Asylbewerber kein nachweislich echtes Identitätspapier  vorgelegt werden kann oder Zweifel an der Echtheit der vorgelegten Pässe oder Ausweise bestehen. Dies betrifft mehrere 100.000 Flüchtlinge, die in den letzten Jahren nach Deutschland gekommen sind.

Auch inhaltlich  wird die Auswertung der Datenträger nicht wirksam begrenzt. Prinzipiell kann jedes auf einem Smartphone gespeicherte Datum die Identitätsfststellung erleichtern: Nicht nur Kontaktlisten, das Surfverhalten im Internet, Standortdaten und Verbindungsdaten der Telekommunikation oder die Spracheinstellungen dürfen ausgewertet werden. Auch die Inhalte von E-Mails, Kurz- und Sprachnachrichten oder sonstigen Dokumenten und Fotografien fallen unter die neue Regelung. Mit anderen Worten: Die Neuregelung ermöglicht einen umfassenden Einblick in das Leben der Betroffenen.

Nach der Gesetzesbegründung soll dem vom Bundesverfassungsgericht geforderten absoluten Schutz des Kernbereichs der Privatsphäre dadurch Rechnung getragen werden, dass bei Vorliegen tatsächlicher Anhaltspunkte, dass „allein Erkenntnisse aus dem Kernbereich privater Lebensgestaltung erlangt würden“,  die Auswertung zu unterbleiben habe. Diese Formel ist nichts anderes als weiße Salbe. Welchem Datenträger sieht man schon an, dass er allein solche höchst privaten Informationen enthält?

Auch wenn der nun von der Bundesregierung beschlossene Zugang zu elektronischen Gerätschaften – anders als bei der Online-Durchsuchung – offen, also in Kenntnis des Betroffenen erfolgen soll, handelt es sich doch um einen schwerwiegenden Eingriff in Grundrechte. Ein solcher Grundrechtseingriff darf gesetzlich nur angeordnet werden, wenn die Verhältnismäßigkeit der Mittel gewahrt bleibt und entsprechende verfahrensmäßigen Sicherungen, etwa eine gerichtliche Anordnung und entsprechende technisch-organisatorische Maßnahmen, gewährleistet sind.

Alle diese Voraussetzungen fehlen bei dem von der Bundesregierung beschlossenen Gesetzentwurf.

Führt das Fehlen von Dateianordnungen beim BND zur Rechtswidrigkeit der Datenverarbeitung?

In der 130. Sitzung des NSA-Untersuchungsausschusses des Deutschen Bundestags am 15.2.2017 ist die Frage angesprochen worden, wie das Fehlen einer im BND-Gesetz vorgesehenen Dateianordnung zu bewerten sei. Der Bundestagsabgeordnete Schipanski wird in einem Beitrag des Blogs Netzpolitik mit der Aussage zitiert, ich hätte als ehemaliger Bundesbeauftragter für den Datenschutz die Auffassung vertreten, dass es sich beim Fehlen einer Dateianordnung bloß um einen „formalen“ Gesetzesverstoß handele, der keine materielle Rechtswidrigkeit der Datei zur Folge habe.

Richtig ist: Nicht jeder Verstoß gegen Verfahrensvorschriften des Datenschutzrechts führt automatisch zur Rechtswidrigkeit der entsprechenden Datei. Aus einem fahrlässigen „Versäumen“ einer gesetzlich vorgesehenen Verpflichtung allein ergibt sich nicht zwingend eine Löschungsverpflichtung der betreffenden Daten. Anders sieht es aber aus, wenn eine Dateianordnung – und damit auch die Meldung gegenüber dem/der Bundesdatenschutzbeauftragten willentlich oder sogar systematisch unterbleibt und somit eine datenschutzrechtliche Prüfung der Datei nicht möglich ist. Zudem muss berücksichtigt werden, dass die Dateianordnung, die von der zuständigen Fachaufsicht (beim BND übt das Bundeskanzleramt diese Funktion aus) zu genehmigen ist, die Zwecke der Verarbeitung und die Voraussetzungen der Speicherung, Übermittlung und Nutzung (betroffener Personenkreis, Arten der Daten) festzulegen hat. Ohne Dateianordnung fehlen diese zentralen verfahrensrechtlichen Sicherungen.

Eine solche Praxis – die es offenbar gegeben hat – ist nicht nur als „minder schwerer“ Formalverstoß zu bewerten, sondern als Aushebelung der unabhängigen Datenschutzkontrolle, die vom Bundesverfassungsgericht in seiner Rechtsprechung seit dem Volkszählungsurteil von 1983 als unabdingbar für die Wahrung der Grundrechte angesehen wird.

Das BVerfG führt dazu in Rz. 207 des Urteils des Ersten Senats vom 24. April 2013 – 1 BvR 1215/07 -(„Antiterrordatei“) aus:

„Die aufsichtliche Kontrolle flankiert die subjektivrechtliche Kontrolle durch die Gerichte objektivrechtlich. Sie dient – neben administrativen Zwecken – der Gewährleistung der Gesetzmäßigkeit der Verwaltung insgesamt und schließt dabei den Schutz der subjektiven Rechte der Betroffenen ein. Dass auch Anforderungen an die aufsichtliche Kontrolle zu den Voraussetzungen einer verhältnismäßigen Ausgestaltung der Datenverarbeitung gehören können (vgl. BVerfGE 100, 313 <361> unter Verweis auf BVerfGE 30, 1 <23 f., 30 f.>; 65, 1 <46>; 67, 157 <185>), trägt dem Umstand Rechnung, dass es sich bei der Speicherung und Verarbeitung von Daten um Eingriffe handelt, die für die Betreffenden oftmals nicht unmittelbar wahrnehmbar sind und deren freiheitsgefährdende Bedeutung vielfach nur mittelbar oder erst später im Zusammenwirken mit weiteren Maßnahmen zum Tragen kommt. Eingriffe in das Recht auf informationelle Selbstbestimmung können deshalb auch dann unverhältnismäßig sein, wenn sie nicht durch ein hinreichend wirksames aufsichtsrechtliches Kontrollregime flankiert sind. Dies hat umso größeres Gewicht, je weniger eine subjektivrechtliche Kontrolle sichergestellt werden kann.“

Die  Umgehung der gesetzlich vorgeschriebenen Kontrollmechanismen und sonstigen verfahrensrechtlichen Sicherungen führt also zur materiellen Rechtswidrigkeit.

„Datenschutzanpassungs- und Umsetzungsgesetz“ – Zu kurz gesprungen

Unhandlich und trotzdem unvollständig  …

Die Bundesregierung hat heute den Entwurf für ein „Gesetz zur Anpassung des Datenschutzrechts an die Verordnung (EU) 2016/679 und zur Umsetzung der Richtlinie (EU) 2016/680 (Datenschutz-Anpassungs- und -Umsetzungsgesetz EU – DSAnpUG-EU)“ beschlossen. So unhandlich der Titel ist, so unlesbar ist die Vorschrift selbst. Allein die zentrale Vorschrift, das neue Bundesdatenschutzgesetz, umfasst 85 Paragraphen und ist damit doppelt so lang wie das bisherige BDSG. Wer in Zukunft wissen will, welche Datenschutzbestimmungen in Deutschland zu beachten sind, muss die EU-Datenschutzgrundverordnung (DSGVO) und das neue BDSG nebeneinanderlegen. Zudem bleibt völlig unklar, was aus den datenschutzrechtlichen Regelungen in den vielen Spezialgesetzen wird – vom Sozialgesetzbuch über das Telekommunikations- und Medienrecht bis zum Bundesstatistikgesetz -, die (zunächst) in Kraft bleiben, ganz zu schweigen von den vielfältigen Bestimmungen im Landesrecht.

Ohne Rat von auf das Datenschutzrecht spezialisierten Anwälten wird es Unternehmen und Bürgern also auch in Zukunft nicht leicht fallen, sich datenschutzkonform zu verhalten oder Datenschutzrechte – etwa das Recht auf Auskunft oder Löschung – durchzusetzen.

… europarechtswidrig …

Die Unhandlichkeit des Gesetzeswerks ist vor allem der Tatsache geschuldet, dass man in der Bundesregierung mit der von der Europäischen Union beschlossenen Datenschutzreform nicht einverstanden ist, unbeschadet der Tatsache, dass Deutschland der EU-DSGVO (Verordnung (EU) 2016/679) und der Datenschutzrichtlinie für Polizei und Justiz (Richtlinie (EU) 2016/680) zugestimmt hat, die im Mai 2018 wirksam werden. Den ganzen Text durchzieht das Bemühen, soviel vom alten BDSG zu „retten“ wie möglich. Das Ergebnis ist fatal: Das neue BDSG wiederholt viele Vorschriften des DSGVO, unterscheidet sich aber vielfach im Detail. Dies widerspricht zum einen dem „Wiederholungsverbot“ bei direkt anwendbarem EU-Recht. Viel gravierender ist es aber, dass in der Substanz von den europarechtlichen Vorgaben abgewichen wird, insbesondere bei der Verarbeitung personenbezogener Daten für andere Zwecke, bei den Rechten der Betroffenen und bei den Befugnissen der Datenschutzbehörden.

Paradoxer Weise werden trotz der hohen Regelungsintensität die in der DSGVO enthaltenen Gestaltungsspielräume für nationale Datenschutzregelungen nur unzureichend ausgefüllt. So fehlen etwa jegliche Ausführungen zum Ausgleich zwischen den Rechtsgütern Datenschutz und Meinungsfreiheit, die gerade angesichts der aktuellen Diskussionen über Fakenews und Hatespeach dringend erforderlich wären. Diese schwierige Materie will der Bund offenbar den Ländern überlassen – mit ungewissem Ausgang.

… auf reduziertem Datenschutzniveau

Die Frage drängt sich auf: Warum das ganze? Die DSGVO wird ab Mai 2018 als direkt in den Mitgliedstaaten anwendbares Recht gelten und der deutsche Gesetzgeber hätte sich mit einer schlanken Regelung begnügen können, die sich auf die wesentlichen Dinge – etwa die Ausgestaltung der Aufsichtsbefugnisse der Datenschutzbehörden, die Benennung betrieblicher Datenschutzbeauftragter, den Rechtsschutz der Betroffenen und das Füllen der expliziten Regelungsspielräume etwa bei Beschäftigten-, Gesundheits- und Forschungsdaten. Warum also so kompliziert und wortreich, wo es doch einfacher ginge?

Die Antwort erschließt sich erst auf den zweiten Blick: Viele der Regelungen senken das Datenschutzniveau gegenüber der DSGVO ab. So werden die Rechte auf Information, Auskunft und Löschung personenbezogener Daten eingeschränkt. Auf der anderen Seite werden insbesondere den Behörden zusätzliche Befugnisse eingeräumt: Sie dürfen mehr Daten erheben, auswerten und übermitteln als in der DSGVO vorgesehen. Last but not least: Auch die Videoüberwachung soll ausgeweitet werden, wobei im Zweifel die Rechte der Betroffenen zurückzustehen haben.

Fazit

Die Bundesregierung bemüht sich also nach Kräften, die Legende vom „hohen deutschen Datenschutzniveau“ zu entkräften. Dies ist insbesondere deshalb fatal, weil sie zugleich auch einen der größten europapolitischen Erfolge – an dem übrigens auch der neue SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz in seiner Funktion als Präsident des Europäischen Parlaments maßgeblich mitgewirkt hat -, die EU-Datenschutzreform konterkariert. Der deutsche Bundestag und der Bundesrat sollten dieses für die Zukunft der Informationsgesellschaft zentrale Vorhaben nicht durchwinken, sonderm kritisch überprüfen und korrigieren.

America First: Datenschutz nur noch für (US-)Inländer

Die amerikanischen Technologie-Giganten Google, Facebook, Microsoft, Twitter und Amazon  werden womöglich die ersten Opfer der von Präsident Trump verfolgten „America First“- Politik sein. Trump unterzeichnete  am 25. Januar  2017 die Anordnung (Executive Order)  zur Verbesserung der öffentlichen Sicherheit. Schon jetzt ist deutlich, dass die Politik der Trump-Administration  einem gemeinsamen Datenschutz-Verständnis  zwischen den USA und der EU diametral  entgegen laufen.

Section 14 hat folgenden Wortlaut:

„Agencies shall, to the extent consistent with applicable law, ensure that their privacy policies exclude persons who are not United States citizens or lawful permanent residents from the protections of the Privacy Act regarding personally identifiable information.“

Auch wenn sich diese Bestimmung vermutlich zunächst gegen diejenigen Personen richten soll, die sich illegal in den Vereinigten Staaten aufhalten, hat sie doch auch erhebliche Auswirkungen auf den transatlantischen Datentransfer. Vor allem das Abkommen zwischen der Europäischen Union und der US-Regierung „Privacy Shield“ ist betroffen. Das  erst im letzten Sommer ausgehandelte  Abkommen gestattet es Unternehmen, welche die Einhaltung der Privacy Shield Prinzipien gewährleisten, personenbezogene Daten aus der Europäischen Union in die USA zu übermitteln.

Voraussetzung für die Übermittlung ist ein „angemessenes Datenschutzniveau“, also ein dem EU-Recht gleichwertiger Schutz für die in die USA transferierten personenbezogenen Daten. Die Europäische Kommission hat am 12. Juli 2016 auf Basis des US-Rechts und der Zusicherungen der Obama-Administration die Existenz eines gleichwertigen  Datenschutzes festgestellt (Angemessenheitsbeschluss). Privacy Shield trat damit an die Stelle des Safe Harbour Arrangements, welches der Europäische Gerichtshof am 6. Oktober 2015 annulliert hatte, da es  den in  Art. 8 der EU-Grundrechtecharta garantierten Schutz personenbezogener Daten nicht gewährleistete.

Zu den Zusicherungen der US-Seite gehörte die Auslegung des US-Rechts in der Weise, dass die US Datenschutzbestimmungen – soweit rechtlich zulässig –  auch für Daten von EU-Bürgern angewandt werden. Damit dürfte jetzt Schluss sein.

Eine wichtige Basis bildete auch der vom US-Kongress im Februar 2016 gebilligte Judicial Redress Act (JRA), der  die Grundlage dafür bereitstellt, dass sich EU-Bürgerinnen und Bürger an US-Behörden wenden können, wenn sie der Auffassung sind, dass US-Behörden ihre Daten zu Unrecht verarbeiten.  Allerdings räumt der JRA den EU-Bürgern solche Klagerechte nicht selbst ein, sondern macht dies von einer Anordnung des US-Justizministers (Attorney General) abhängig. Die scheidende Obama-Administration hat eine entsprechende Erklärung wenige Tage vor der Inauguration Donald Trumps herausgegeben, die neben der Europäischen Union als Ganzes, 26 ihrer Mitgliedstaaten und Zypern umfasst  Die oben zitierte Executive Order  könnte so verstanden werden, dass das Justizministerium die „Privilegierung“ der Bürger anderer Staaten zurücknimmt, welche am 1. Februar 2017 in Kraft treten soll.

Unabhängig davon ist zu befürchten, dass die – nach den Snowden-Enthüllungen   von US-Präsident Obama angeordneten – partiellen Sicherungen des Datenschutzes für Nicht-Amerikaner bei der geheimdienstlichen Überwachung außer Kraft gesetzt werden. Damit würden auch die Erklärungen des US-Geheimdienstkoordinators im Rahmen der Privacy Shield—Verhandlungen obsolet.

Vor diesem Hintergrund muss die EU-Kommission unverzüglich handeln. Sie darf mit der Prüfung, ob die Voraussetzungen für eine Fortgeltung des Angemessenheitsbeschlusses zum Privacy Shield  noch gegeben sind, nicht erst bis zur ersten, im Sommer d.J. vorgesehenen regulären Privacy Shield Review warten. Aber auch die europäischen Datenschutzbehörden sind gefragt. Der Europäische Gerichtshof hat Ihnen in seiner Safe Harbour-Entscheidung auferlegt, Zweifeln an einem angemessenen Datenschutzniveau selbstständig nachzugehen und damit nicht auf eine entsprechende  Feststellung der Kommission zu warten.

New ECJ ruling on data retention: Preservation of civil rights even in difficult times!

Translation – German version see here.

The European Court of Justice has made a Christmas present to more than 500 million EU citizens. With its new judgment on data retention (C-203/15 of 21 December 2016) – the highest court of the European Union stresses the importance of fundamental rights. All Member States are required to respect the rights represented in the European Charter of Fundamental Rights in their national legislation. The ECJ issued an important signal that can hardly be surmounted taking into account the current political discussions on internal and external threats and the strengthening of authoritarian political currents providing the public with simplistic answers to difficult questions.

The ECJ remains true to itself

The ruling of the European Court of Justice is in line with its judgment of 8 April 2014, by which the Court annulled Directive 2006/24/EC on the retention of data. The general obligation to retain traffic and location data required by this Directive was not limited to the absolutely necessary and thus disproportionate to the fundamental rights of respect for private life and the protection of personal data (Articles 7 and 8 of the European Charter of Fundamental Rights).

Despite the annulment of the Data Retention Directive by the ECJ, several Member States have continued or even broadened their practice of data retention. The latter took place in Great Britain, where shortly after the ECJ ruling – in July 2014 – a new legal basis for data retention was passed, which even went beyond the abolished EC directive. According to the British Parliament’s intention to implement the so-called „Investigatory Powers Act“, the major current commitments to compulsory data storage and the supervisory powers of the security authorities are to be extended in the short term and will include web services, in particular transactions on social networks. On November 29, 2016, the upper and lower house agreed on a corresponding legal text, which is to enter into force soon after its formal approval by the Queen. In other Member States, too, there are – differently broad-ranging – legal requirements which oblige providers of telecommunications and internet services to reserve traffic and location data whose conservation is not necessary for the provision or the billing of the respective service.

European Charter of Fundamental Rights binding for national legislature

A Swedish and a British court had asked the ECJ to clarify whether the respective national regulations on the retention of data corresponded to the European legal requirements.

In its new ruling the ECJ answered this question by stating that national regulations which provide a general and indiscriminate storage of data are not in line with the EU law. A national regulation providing for the storage of traffic and location data, is to be regarded as serious interference in fundamental rights. Member States must not maintain or re-adopt rules which are based on, or even go beyond, an EU act which has been annulled on grounds of its fundamental illegality.

The provisions of EU law bind the national legislature. The EU Directive 2002/58/EC on data protection in electronic communications (the ePrivacy Directive) has to be interpreted in the light of the Charter of Fundamental Rights. Exceptions to the protection of personal data should be limited to the absolutely necessary. This applies not only to the rules on data retention, but also to the access of authorities to the stored data. A national provision providing for general and indiscriminate data retention which does not require a link between the purpose for which the data is originally intended to be stored and a threat to public security, and in particular is not limiting the data on a period and / or a geographical area and / or of a group of persons which could be involved in a serious criminal act, transcends the limits of the absolutely necessary and can not be regarded as justified in a democratic society. Laws of Member States that do not meet these requirements must be abolished or amended accordingly.

With regard to the contested British and Swedish laws, the competent national courts which had appealed to the ECJ are now required to enforce the ECJ ruling in substance. However, even the parliaments and governments of the Member States are, too, responsible for reviewing and, where appropriate, correcting the relevant provisions of national law.

What happens to German data retention?

The implications of the ECJ ruling for the German data retention recently reintroduced must also be urgently examined. The retention obligations of the new German Data Retention Act remain behind the predecessor regulation, which was repealed by the Federal Constitutional Court in 2010. However, it is highly doubtful whether the provisions of the ECJ will be fulfilled by the new data retention act, since it obliges the telecommunications providers to store the data without any material restriction on a specific area or a particular risk situation.

The fact that the Federal Government or the parliamentary fractions backing them will now carry out this examination in an objective manner appears to be highly unlikely in the light of the additional powers which they have recently decided to hand over to the security authorities. In the end, the Federal Constitutional Court will probably have to ensure clarity again.

Peter Schaar (21 December 2016)

Neues EuGH-Urteil zur Vorratsdatenspeicherung: Bürgerrechte auch in schwierigen Zeiten bewahren!

English version see here

Der Europäische Gerichtshof hat den mehr als 500 Millionen EU-Bürgerinnen und -Bürgern ein Weihnachtsgeschenk gemacht. Mit seinem neuen Urteil zur Vorratsdatenspeicherung (
C-203/15 v. 21. Dezember 2016) – unterstreicht das höchste Gericht der Europäischen Union die Bedeutung der Grund- und Bürgerrechte. Alle Mitgliedstaaten sind gehalten, die in der Europäischen Grundrechtecharta verbrieften Rechte auch in ihrer nationalen Gesetzgebung zu berücksichtigen. Damit setzt der EuGH ein wichtiges Signal, das angesichts der aktuellen politischen Diskussion über innere und äußere Bedrohungen und dem Erstarken von autoritären politischen Strömungen kaum zu überschätzen ist.

Der EuGH bleibt sich treu

Die Entscheidung des Europäischen Gerichtshofs liegt auf einer Linie mit seinem Urteil vom 8. April 2014, mit dem das Gericht die Richtlinie 2006/24/EG über die Vorratsspeicherung von Daten für ungültig erklärt hatte. Die mit dieser Richtlinie vorgeschriebene allgemeine Verpflichtung zur Vorratsspeicherung von Verkehrs- und Standortdaten beschränkte sich nicht auf das absolut notwendige Maß und griff damit unverhältnismäßig in die Grundrechte auf Achtung des Privatlebens und den Schutz personenbezogener Daten (Art. 7 und 8 EUGRCh) ein.

Trotz der Annullierung der VDS-Richtlinie setzten mehrere Mitgliedstaaten ihre Praxis der Vorratsdatenspeicherung fort oder erweiterten sie sogar. Letzteres geschah in Großbritannien, wo im Eilverfahren bereits kurze Zeit nach dem EuGH-Urteil – im Juli 2014 – neue gesetzliche Grundlagen zur Vorratsdatenspeicherung beschlossen wurden, die sogar über die annullierte EU-Richtlinie hinausgingen. Die weitgehenden aktuellen Verpflichtungen zur obligatorischen Datenspeicherung und die Überwachungsbefugnisse der Sicherheitsbehörden sollen nach dem Willen des britischen Parlaments mit dem sog. „Investigatory Powers Act“ kurzfristig sogar noch ausgeweitet werden und künftig auch sämtliche Web-Dienste umfassen, etwa Transaktionen in sozialen Netzwerken oder im Rahmen von Online-Spielen. Am 29. November 2016 einigten sich  das Ober- und Unterhaus auf einen entsprechenden Gesetzestext,
der nach seiner formalen Billigung durch die Queen demnächst in Kraft treten soll. Auch in anderen Mitgliedstaaten gibt es – unterschiedlich weit reichende – gesetzliche Vorgaben, welche die Anbieter von Telekommunikations- und Internetdiensten dazu verpflichten, Verkehrs- und Standortdaten auch dann vorzuhalten, wenn diese für die Erbringung oder Abrechnung des jeweiligen Dienstes nicht bzw. nicht mehr erforderlich sind.

EU-Grundrechtecharta bindet auch den nationalen Gesetzgeber

Ein schwedisches und ein britisches Gericht hatten dem EuGH die Frage zur Klärung vorgelegt, ob die jeweiligen nationalen Regelungen zur Vorratsdatenspeicherung den europarechtlichen Vorgaben entsprechen.

Der EuGH beantwortet diese Frage dahingehend, dass das Unionsrecht nationalen Regelungen entgegensteht, die eine allgemeine und unterschiedslose Speicherung von Daten vorsehen. Der Grundrechtseingriff, der mit einer nationalen Regelung einhergehe, die eine Speicherung von Verkehrs- und Standortdaten vorsieht, sei als besonders schwerwiegend anzusehen. Die Mitgliedstaaten dürfen nicht – wie geschehen – Regelungen, die auf einem wegen seiner Grundrechtswidrigkeit annullierten EU-Rechtsakt basieren oder sogar über diesen hinausgehen, einfach beibehalten oder neu beschließen.

Die Vorgaben des EU-Rechts binden den nationalen Gesetzgeber. Die EU-Datenschutzrichtlinie 2002/58/EG für elektronische Kommunikation („ePrivacy“-Richtlinie) sei im Lichte der Grundrechtecharta auszulegen. Ausnahmen vom Schutz personenbezogener Daten seien auf das absolut Notwendige zu beschränken. Dies gelte nicht nur für die Regeln über die Vorratsdatenspeicherung selbst, sondern auch für den Zugang von Behörden zu den gespeicherten Daten. Eine nationale Regelung, die eine „allgemeine und unterschiedslose Vorratsdatenspeicherung“ vorsieht, keinen Zusammenhang zwischen den Daten, deren Vorratsspeicherung vorgesehen ist, und einer Bedrohung der öffentlichen Sicherheit verlangt und sich insbesondere nicht auf die Daten eines Zeitraums und/oder eines geografischen Gebiets und/oder eines Personenkreises, der in irgendeiner Weise in eine schwere Straftat verwickelt sein könnte, beschränkt, überschreite die Grenzen des absolut Notwendigen und könne nicht als in einer demokratischen Gesellschaft gerechtfertigt angesehen werden. Gesetze der Mitgliedstaaten, die diesen Anforderungen nicht entsprechen, müssen dementsprechend aufgehoben bzw. geändert werden.

Im Hinblick auf die angefochtenen britischen und schwedischen Gesetze liegt der Ball jetzt wieder bei den zuständigen nationalen Gerichten, die den EuGH zur Klärung der strittigen Rechtsfragen angerufen hatten und die nun für die Durchsetzung der EuGH-Vorgaben sorgen müssen. Besondere Verantwortung tragen aber auch die Parlamente und Regierungen der Mitgliedstaaten, denen es obliegt, die jeweiligen Bestimmungen des nationalen Rechts zu überprüfen und ggf. zu korrigieren.

Was wird aus der deutschen Vorratsdatenspeicherung ?

Welche Konsequenzen sich für die jüngst wieder eingeführte deutsche Vorratsdatenspeicherung ergeben, muss ebenfalls dringend überprüft werden. Zwar bleiben die Speicherungsverpflichtungen des neuen deutschen Vorratsdatenspeicherungsgesetzes hinter der vom Bundesverfassungsgericht 2010 aufgehobenen Vorgängerregelung zurück. Es ist jedoch höchst zweifelhaft, ob damit auch die Vorgaben des EuGH erfüllt werden, denn auch nach der neuen Regelung sind die Daten unterschiedslos und flächendeckend zu speichern, ohne jede sachliche Begrenzung auf einen Gefahrenbereich oder eine besondere Risikosituation.

Dass die Bundesregierung bzw. die sie tragenden Parlamentsfraktionen diese Prüfung nun ergebnisoffen vornehmen werden, erscheint angesichts der von diesen gerade beschlossenen und angekündigten Befugnisserweiterungen für die Sicherheitsbehörden höchst unwahrscheinlich. Letztlich wird wohl erneut das Bundesverfassungsgericht hier für Klarheit sorgen müssen.

Peter Schaar (21. Dezember 2016)

Brauchen wir eine Digitalcharta?

Am 1. Dezember 2016 veröffentlichten verschiedene Zeitungen ganzseitige Anzeigen unter der Überschrift „Wir fordern digitale Grundrechte – Charta der digitalen Grundrechte der Europäischen Union“. Bei dieser „Digitalcharta“ handelt es sich um die Zusammenstellung von Forderungen bzw. Vorschlägen, die sich nicht auf reine Individualrechte beschränken, sondern auch staatliches und unternehmerisches Handeln umfassen. Das erkennbare Ziel der Autorinnen und Autoren ist es, eine Diskussion darüber anzustoßen, wie unsere grundlegenden Werte, Grund- und Menschenrechte in einer zunehmend durch digitale Technik geprägten Welt bewahrt werden können. Sie greifen damit ein weit verbreitetes Unbehagen auf, das nicht auf die überschaubare Netzcommunity beschränkt ist. Zugleich setzen sie einen Kontrapunkt zu unreflektierter Technikbegeisterung und weltfremden Versprechungen einer Rückkehr in eine vermeintlich gute alte Zeit ohne Globalisierung und Digitaltechnik.

Immer lauter hört man aus dem Silicon Valley das hohe Lied der „Disruption“, die Begeisterung über die revolutionäre Veränderung der Wirtschaft und unserer Lebensverhältnisse durch digitale Technik. In der Tat lässt sich kaum leugnen, dass die von der Digitalisierung bewirkten Veränderungen vergleichbar sind mit denjenigen der industriellen Revolution des 18. und 19. Jahrhunderts. Bestehende gesellschaftliche Ungleichheiten und Konflikte verschärfen sich und sie werden überlagert von neuen, bisher unbekannten Fragestellungen.

Die mit der Digitalisierung verbundenen Problemstellungen gehen weit über den Datenschutz hinaus, der bereits in der EU verfassungs- und einfachgesetzlich normiert ist (Art. 8 EU-Grundrechtecharta, Datenschutzgrundverordnung). So wichtig der Datenschutz weiterhin bleibt, so bedeutsam ist es, dass wir uns – wie die Digitalcharta es tut – auch mit den anderen Folgen der Digitalisierung auseinandersetzen.

In den letzten Jahren ist es zu einer in der Geschichte unvergleichlichen auf Informationen und Daten basierenden globalen Machtkonzentration bei Unternehmen und staatlichen Stellen gekommen, welche die ungeheuren Informations- und Datenbestände kontrollieren. Gefahren für Freiheits- und Menschenrechte gehen längst nicht mehr allein vom staatlichen „Leviathan“ aus. Auch weltweit agierende Internetunternehmen setzen nach eigenen Interessen Regeln über den Zugang zu Informationen und den Umgang mit ihnen. Sie nutzen dabei Unterschiede zwischen den Rechtsordnungen und Steuersystemen aus.

Spätestens seit den Enthüllungen Edward Snowden ist nicht mehr zu leugnen, dass auch staatliche Stellen, insbesondere aus dem Kreis der Sicherheitsbehörden, an den enormen privatwirtschaftlich angehäuften Informations- und Datenschätzen partizipieren. Viele nachrichtendienstliche Überwachungsaktivitäten erfolgen im Ausland, um der Rechtsbindung durch nationale Verfassungen und Gesetze und der gerichtlichen und parlamentarischen Kontrolle zu entgehen. Grund zum Handeln gibt es also genug.

Dass kollektive Erfahrungen und neue Probleme zur Überprüfung gesellschaftlicher Sichtweisen und Regeln führen, ist kein einmaliges Phänomen. Zahlreiche Aufrufe, Verfassungsdokumente und Grundrechtskataloge belegen dies, etwa die Magna Charta aus dem Jahr 1215, die US-Verfassung von 1788, das westdeutsche Grundgesetz von 1949 bis hin zur Charta der Grundrechte der Europäischen Union aus dem Jahr 2001. Alle diese Dokumente sind in erster Linie (in juristische Sprache gekleidete) politische Manifeste, die teils fundamental mit der vorigen Rechtsordnung brechen oder sie fortschreiben sollen. In dieser Tradition versteht sich offenbar die Digitalcharta.

Ob die Vorschläge in absehbarer Zeit vom Europäischen Parlament beschlossen und Eingang in die EU-Grundrechtecharta finden werden, ist höchst unsicher. Unabhängig davon ist es aber an der Zeit, dass unser politisches System die digitalen Herausforderungen aktiv bearbeitet. Die Debatte darüber ist jedenfalls eröffnet!

Sollen Grundrechte auch vor Machtmissbrauch durch Private schützen?

Die Digitalcharta ist unmittelbar nach ihrer Veröffentlichung heftig kritisiert worden. Eine besonders heiß diskutierte Frage ist, ob Grundrechte nicht nur gegenüber staatlichen Stellen sondern auch gegenüber privaten Stellen gelten sollen, wie dies Art. 1 Abs. 3 vorsieht.

„(3)  Die Rechte aus dieser Charta gelten gegenüber staatlichen Stellen und Privaten.“

Juristen sprechen in diesem Zusammenhang von „Drittwirkung“. Die traditionelle deutsche Verfassungslehre verneint eine direkte Drittwirkung der Grundrechte des Grundgesetzes.

Historisch wurden die Grund- und Menschenrechte als Instrumente gegen staatliche Willkür erkämpft. Sie begrenzen staatliche Machtausübung gegenüber den Bürgern. Diese Funktion als „Abwehrrechte“  gegenüber dem Staat ist auch heute noch von herausragender Bedeutung. Aber sie wird überlagert von objektiv-rechtlichen Aspekten, insbesondere dem Menschen- und Gesellschaftsbild des Grundgesetzes, das selbst eine Drittwirkung nicht explizit ausschließt.

Die Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts zur Menschenwürde und zum allgemeinen Persönlichkeitsrecht belegt die überragende Bedeutung des Grundgesetzes und insbesondere der Grundrechte bei der einfachen Gesetzgebung und bei der Auslegung von Gesetzen, die „im Lichte der Grundrechte“ zu erfolgen hat.

Besonders deutlich wird die Absicht des Grundgesetzes, privates Handeln zu steuern, beim Grundrecht auf Eigentum:

„Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen.“ (Art. 14 Abs. 2 GG)

Mir erscheint es sinnvoll, die Sozialpflichtigkeit des Eigentums im Hinblick auf die digitalen Herausforderungen zu konkretisieren. Wenn man den ungeheuren Einfluss und die überragende Definitionsmacht heutiger digitaler Plattformen berücksichtigt, wäre ist geradezu fahrlässig, die durch Grundrechte beabsichtigte Machtbegrenzung nur auf staatliche Akteure zu beziehen. Auch Unternehmen haben die Menschenwürde zu achten, sie haben bei den der Allgemeinheit zur Verfügung gestellten Diensten die Meinungsfreiheit zu garantieren, Diskriminierung zu unterlassen und für Transparenz zu sorgen.

Allerdings lassen sich derartige Rechtsfortbildungen sinnvollerweise nicht mehr allein durch nationales Recht realisieren, sondern auf internationaler oder zumindest europäischer Ebene. Deshalb halte ich es für richtig, dass die Digitalcharta einen EU-weiten Regelungsanspruch formuliert. Der Blick über den deutschen Tellerrand zeigt zudem, dass die Diskussion über die Drittwirkung von Grundrechten in der Europäischen Union weitaus weniger intensiv geführt wird als in der deutschen Rechtswissenschaft. Unter dem Begriff der „horizontalen Wirkung“ bejaht etwa der Europäische Gerichtshof die direkte Anwendbarkeit von EU-Recht – auch von Grundrechten – auf das Verhältnis zwischen Privaten, soweit eine EU-Rechtsvorschrift hinreichend präzise formuliert ist. Eine entsprechende Klausel, die klarstellt, dass bestimmte digitale Rechte (und Pflichten) auch gegenüber Privaten anzuwenden sind, wäre also durchaus konsequent und zulässig.

Verbesserungsbedarf

Die Autoren der Digitalcharta haben zur Diskussion ihrer Vorschläge aufgerufen. In der Tat sind nicht alle Artikel der vorgeschlagenen Digitalcharta gleichermaßen gelungen. Kritisch sehe ich insbesondere die widersprüchlichen Ausführungen zur Meinungsfreiheit und Öffentlichkeit in Art. 5:

„(1) Jeder hat das Recht, in der digitalen Welt seine Meinung frei zu äußern. Eine Zensur findet nicht statt.
(2) Digitale Hetze, Mobbing sowie Aktivitäten, die geeignet sind, den Ruf oder die Unversehrtheit einer Person ernsthaft zu gefährden, sind zu verhindern.
(3) Ein pluraler öffentlicher Diskursraum ist sicherzustellen.
(4) Staatliche Stellen und die Betreiber von Informations- und Kommunikationsdiensten sind verpflichtet, für die Einhaltung von Abs. 1, 2 und 3 zu sorgen.“

Für bedenklich halte ich die im zweiten Absatz vorgesehenen Einschränkungen der Meinungsfreiheit und des Zensurverbots. Es stellt sich die Frage, wie die Tatbestände der digitalen „Hetze und Mobbing sowie Aktivitäten, die geeignet sind, den Ruf oder die Unversehrtheit einer Person ernsthaft zu gefährden“ zu verstehen sind.

Wer einmal Ziel aggressiver Kritik, Anmache bis hin zum Shitstorm geworden ist, empfindet eine solche Situation als unangenehm. Trotzdem wäre es falsch, darauf mit einem generellen Verbot zu reagieren. In einer pluralen Demokratie müssen wir auch unsachliche Äußerungen und Wut anderer ertragen, ohne nach dem Staatsanwalt oder Foren-Zensor zu rufen.

Zudem darf nicht außer Acht gelassen werden, dass die Meinungsfreiheit vor dem Hintergrund unterschiedlicher historischer Erfahrungen international verschieden eingeschätzt wird. Die vorgeschlagenen Regelungen implizieren, dass nicht nur unzulässige, sondern auch nicht strafbare Meinungsäußerungen in der digitalen Welt zu verhindern seien. Dies wird der überragenden Bedeutung der Informations- und Meinungsfreiheit in der demokratischen Gesellschaft nicht gerecht.

Verschärft wird dieses Problem dadurch, dass nicht etwa eine nachträgliche Löschung verlangt wird, sondern die generelle Verhinderung solcher Äußerungen. Dies würde letztlich doch auf Zensur hinauslaufen.

Zudem sind die Adressaten entsprechender Verpflichtungen nicht zu Ende gedacht. So sollen nicht nur „staatliche Stellen“, sondern auch die Betreiber von Kommunikations- und Informationsdiensten für die Durchsetzung sorgen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Autoren einer durchgängigen Inhaltskontrolle im Sinne von „deep packet inspection“ das Wort reden, aber leider lassen sich die Formulierungen genau so auslegen.

An Stelle der missverständlichen Regelungen sollte Art. 5 daher umformuliert werden:

„…(2) Dieses Recht kann durch gesetzliche Bestimmungen beschränkt werden, soweit dies zum Schutz berechtigter persönlicher oder gesellschaftlicher Interessen unerlässlich ist. … (4)

Die Betreiber von Plattformen, die dem öffentlichen Informations- und Meinungsaustausch dienen, sind verpflichtet, unzulässige Beiträge zu löschen, sobald sie von ihnen Kenntnis erlangt haben.“

Peter Schaar

Wird Deutschland zum Schlusslicht beim Europäischen Datenschutz?

Das Bundesministerium des Innern (BMI) hat am 23. November 2016 den Referentenentwurf eines Gesetzes zur Anpassung des Datenschutzrechts an die Verordnung (EU) 2016/679 und zur Umsetzung der Richtlinie (EU) 2016/680 (Datenschutz-Anpassungs- und -Umsetzungsgesetz EU – DSAnpUG-EU) – zitiert als E-BDSG – an die Verbände versandt. Die Europäische Akademie für Informationsfreiheit und Datenschutz (EAID) wird innerhalb der kurzen für das Anhörungsverfahren vorgesehenen Frist bis zum 7. Dezember zu dem Entwurf offiziell Stellung nehmen. Der vorliegende Beitrag ist insofern eine vorläufige Einschätzung, die allein vom Autor verantwortet wird.

Nachdem bereits Ende August ein Vorentwurf bekannt geworden war, der zu erheblicher Kritik Anlass gab (vgl. etwa meinen Blogpost), hat das BMI zwar einige der gröbsten handwerklichen Fehler abgemildert. Bereits eine erste Durchsicht des umfangreichen Gesetzentwurfs offenbart aber eine Reihe von inhaltlichen und formalen Schwachpunkten und Mängeln, von denen zu hoffen ist, dass sie im weiteren Gesetzgebungsverfahren (Ressortabstimmmung, Beratung im Deutschen Bundestag und im Bundesrat) ausgebessert und beseitigt werden.

Das E-BDSG weicht in verschiedenen Feldern von den Vorgaben der Datenschutzgrundverordnung (DSGVO) ab, und zwar nicht nur dort, in denen der europäische Gesetzgeber Raum für nationale Regelungen gelassen hat, etwa beim Schutz von Beschäftigtendaten oder bei den Vorschriften zu den betrieblichen Datenschutzbeauftragten.

In zentralen Punkten – insbesondere bei den Betroffenenrechten – werden die Vorgaben der DSGVO aufgeweicht mit dem Ergebnis, dass deutsche Bürgerinnen und Bürger zukünftig weniger Datenschutzrechte haben als die übrigen Europäer.

Schließlich ist zu fragen, ob auf diesem Wege Regelungen, mit denen die Bundesregierung bei den Verhandlungen der Datenschutzreform im Rat und im Europaparlament keine Mehrheiten gefunden hat, nun auf dem Umweg eines „Datenschutzanpassungsgesetzes“ doch noch realisiert werden sollen – zum Schaden Europas.

 

EU-weites „level playing field“?

Niemandem wäre damit gedient, wenn ab 25. Mai 2018, wenn die DSGVO wirksam wird – an die Stelle der 28 nationalen Datenschutzgesetze 28 neue, unterschiedliche „Ausführungsgesetze“ treten, wie es dem Ministerium offenbar vorschwebt: Mit verschiedenen Regelungen zur Datenerhebung, Speicherung und Verwendung, mit unterschiedlichen nationalen Vorgaben zu den Rechten auf Auskunft, Löschung und Widerspruch der Betroffenen, ergänzt um Sonderregelungen, die teils deutlich hinter dem EU-Recht zurückbleiben.

Die vorgesehenen Regelungen schaden auch den europäischen Unternehmen, die auf Basis des EU-Rechts gleichmäßige Bedingungen für grenzüberschreitende europaweite Geschäftsmodelle brauchen, um so auf Augenhöhe mit der internationalen Konkurrenz agieren zu können. Die vom Entwurf vorgesehenen zahlreichen Abweichungen konterkarieren das vom europäischen Gesetzgeber beabsichtigte Ziel, für alle Bürgerinnen und Bürgern der EU und für die im Europäischen Wirtschaftsraum tätigen Unternehmen einen gleichmäßigen wirksamen Datenschutz zu garantieren.

Große Unternehmen, die sich umfangreiche Rechtsabteilungen und teure Anwälte leisten können, werden auch in Zukunft mit einer solchen unübersichtlichen Situation umgehen können. Dies gilt aber nicht für kleinere und mittlere Unternehmen, die nicht über derartige Ressourcen verfügen. Neben den Bürgerinnen und Bürgern, deren Datenschutz ausgehöhlt wird, wären sie die Hauptleidtragenden des deutschen Sonderwegs.

 

Absenkung der Betroffenenrechte

Art. 23 DGSVO räumt den von der Datenverarbeitung betroffenen Personen ein Auskunftsrecht über die zu ihnen gespeicherten Daten ein. Nach Art. 14 DSGVO müssen Behörden und Unternehmen die Betroffenen informieren, wenn sie personenbezogene Daten verarbeiten.

Wenn es nach dem BMI geht, müssten davon abweichend gemäß § 32 i.V.m. § 31 E-BDSG öffentliche Stellen die Betroffenen nicht informieren bzw. ihnen keine Auskunft erteilen, wenn „die Information die ordnungsgemäße Erfüllung der in der Zuständigkeit des Verantwortlichen liegenden Aufgaben“ gefährden oder „die Information die öffentliche Sicherheit oder  Ordnung gefährden oder sonst dem Wohle des Bundes oder eines Landes Nachteile bereiten würden“. Eine solche Regelung überlässt es weitgehend den Behörden, welche Auskünfte gegeben werden, denn schließlich gibt es viele Gründe, weshalb die Informationsherausgabe die ordnungsgemäße Aufgabenerfüllung gefährden könnte. Unternehmen müssten keine Auskunft erteilen, wenn „die Information die Geschäftszwecke des Verantwortlichen erheblich gefährden würde“. Damit würden Geschäftsinteressen generell über den Schutz persönlicher Daten gestellt. Zudem müssten Unternehmen keine Auskunft erteilen, wenn „die zuständige öffentliche Stelle gegenüber dem Verantwortlichen (Unternehmen) festgestellt hat, dass das Bekanntwerden der Daten die öffentliche Sicherheit oder Ordnung gefährden oder sonst dem Wohle des Bundes oder eines Landes Nachteile bereiten würde.“ Auch diese Bestimmung lässt viel Interpretationsspielraum.

Nach Art. 17 DSGVO haben die betroffenen Person das Recht, von Behörden und Unternehmen die Löschung von zu Unrecht gespeicherten oder nicht mehr benötigten Daten zu verlangen. In Deutschland soll jedoch kein Recht auf Datenlöschung bestehen, „wenn eine Löschung wegen der besonderen Art der Speicherung nicht oder nur mit unverhältnismäßig hohem Aufwand möglich ist.“ (§ 33 E-BDSG) Eine solche Vorschrift wäre geradezu eine Einladung an Unternehmen und staatliche Stellen, ihre Daten so zu speichern, dass eine Löschung nur unter größerem Aufwand möglich ist. Sie müssten die Daten selbst dann nicht löschen, wenn ihre Speicherung rechtswidrig war.

Gemäß Art. 21 DSGVO haben die Betroffenen das Recht, aus Gründen, die sich aus ihrer besonderen Situation ergeben, jederzeit der Verarbeitung ihrer personenbezogenen Daten zu widersprechen, wenn die Verarbeitung im Interesse einer verantwortlichen Stelle (Behörde bzw. Unternehmen)  oder eines Dritten erfolgt und keine ausdrückliche gesetzliche Regelung die Datenverarbeitung erlaubt. Der Gesetzentwurf schränkt dieses Widerspruchsrecht erheblich ein (§ 34 E-BDSG).

Die für die Absenkung der Betroffenenrechte angeführten Begründungen, das geringere Datenschutzniveau liege im öffentlichen Interesse oder diene dem Schutz der Freiheitsrechte anderer Personen (Art. 23 DSGVO), ist selbst bei wohlwollender Auslegung der Datenschutzgrundverordnung abwegig. Die Absenkung des Datenschutzniveaus unter das EU-Level ist mit dem deutschen Grundrecht auf informationelle Selbstbestimmung und dem durch Art. 8 der EU-Grundrechtecharta garantierten Grundrecht auf Schutz personenbezogener Daten nicht zu vereinbaren. Das BMI bleibt jede Begründung schuldig, warum Geschäftsinteressen etwa von Auskunfteien oder Inkassounternehmen schwerer wiegen als die Datenschutzrechte der betroffenen Bürgerinnen und Bürger.

 

Fallbeispiele

Ein Kunde verlangt von seiner Bank aussagekräftige Informationen über das zur automatisierten Bewertung seiner Kreditwürdigkeit verwendete Scoring-Verfahren.

Europa: Die Bank erteilt diese Auskünfte, denn sie ist dazu gem. Art. 15 der Datenschutzgrundverordnung (DSGVO) verpflichtet.

Deutschland: Die Bank lehnt die Auskunft zu den Details des Bewertungsverfahrens ab, denn nach § 32 E-BDSG würden die erfragten Information die eigenen Geschäftszwecke „erheblich gefährden“; sie seien zudem Betriebs- und Geschäftsgeheimnisse des Unternehmens.

Die Besucherin eines Einkaufszentrums erkundigt sich nach dem Umfang und der genauen Speicherungsdauer der Videoaufnahmen der installierten Überwachungskameras.

Europa: Der Betreiber teilt ihr mit, wo die Kameras installiert sind und dass die Aufnahmen nach drei Tagen gelöscht werden. So sieht es die EU-Datenschutzverordnung vor.

Deutschland: Der Betreiber verweigert die erbetene Informationen mit der Begründung, die zuständige Behörde sehe darin eine Gefährdung der öffentlichen Sicherheit und Ordnung.

Ein Versicherungsnehmer verlangt von der Versicherung die Löschung unzulässig gespeicherter Gesundheitsdaten.

Europa: Nach Art. 17 der EU-Datenschutzverordnung hat er ein Recht dazu. Die Versicherung muss die Daten löschen.

Deutschland: Die Versicherung lehnt die Löschung der Daten ab. Gemäß § 33 E-BDSG müsse sie die Daten nicht löschen, denn „wegen der besonderen Art der Speicherung“ sei die Löschung nur mit unverhältnismäßig hohem Aufwand möglich.

 

Exzessive Videoüberwachung

Europa- und verfassungsrechtlich nicht akzeptabel ist auch der deutsche Sonderweg bei der Videoüberwachung: Künftig soll hier – nicht nur für öffentliche Stellen, sondern auch im privatwirtschaftlichen Bereich – die Maxime gelten: Sicherheit geht vor Datenschutz.

Damit soll ein entsprechendes Vorhaben der Bundesregierung fortgeschrieben werden, das auch nach derzeitiger Rechtslage verfassungsrechtlich problematisch ist (vgl. Stellungnahme der EAID zum „Videoüberwachungsverbesserungsgesetz“ v. 6. November 2016)  Die in der Datenschutzgrundverordnung vorgesehene Interessenabwägung müsste so einseitig zu Lasten der Grundrechte erfolgen – ein klarer Verstoß gegen Art. 8 EU-Grundrechtecharta.

 

Beschäftigtendaten

Im Hinblick auf den Beschäftigtendatenschutz begnügt sich das E-BDSG mit einem Minimalprogramm, indem es den alten § 32 BDSG unverändert übernimmt.

Erhebliche Zweifel sind angebracht, ob diese Vorschrift den Vorgaben aus Art. 88 Abs. 2 DSGVO entspricht. Eine solche nationale Regelung soll nämlich „angemessene und besondere Maßnahmen zur Wahrung der menschlichen Würde, der berechtigten Interessen und der Grundrechte der betroffenen Person, insbesondere im Hinblick auf die Transparenz der Verarbeitung, die Übermittlung personenbezogener Daten innerhalb einer Unternehmensgruppe oder einer Gruppe von Unternehmen, die eine gemeinsame Wirtschaftstätigkeit ausüben, und die Überwachungssysteme am Arbeitsplatz“ umfassen.

Davon findet sich nichts im BMI-Entwurf, der deshalb erneut nicht die Erwartungen an einen dringend erforderlichen modernen Beschäftigtendatenschutz erfüllt. Dies ist besonders bedauerlich, weil im Zuge der Digitalisierung der Arbeitswelt hier klare Grenzen der Datenerfassung und -verwendung immer dringlicher werden.

 

Europarechtsbruch mit Ansage

Schließlich wiederholt der Entwurf an vielen Stellen die Vorgaben der Datenschutzgrundverordnung (DSGVO) und wandelt diese Bestimmungen teils in schwer nachvollziehbarer Weise ab. Damit verstößt der Entwurf gegen das europarechtliche Wiederholungsverbot bei direkt anwendbaren EU-Verordnungen, das Abweichungen des nationalen Rechts von EU-rechtlichen Vorgaben verhindern soll.

Als Randnote sei darauf hingewiesen, dass das neue BDSG am 25. Mai 2018 in Kraft treten soll, dem Datum des Wirksamwerdens der Datenschutzgrundverordnung. Da das „Datenschutz-Anpassungs- und -Umsetzungsgesetz EU“ aber auch die Richtlinie für die Bereiche Justiz und Polizei umsetzen soll, deren Umsetzung bis zum 6. Mai 2018 zu erfolgen hat (Art. 63 Abs. 1 RL (EU) 2016/680), handelt es sich sozusagen um einen Europarechtsverstoß mit Ansage – ein ziemlich einmaliger Vorgang.

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