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Brauchen wir ein neues Datenrecht?

Die Bundesregierung sendet angesichts der Datenaffäre um Facebook und Cambridge Analytica widersprüchliche Signale aus. Während die neue Justiz- und Verbraucherschutzministerin Katarina Barley darauf setzt, dass die ab Mai EU-weit geltende Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO) der exzessiven Datennutzung und dem Datenmissbrauch entgegenwirkt, plädiert Kanzleramtschef Helge Braun für ein „neues Datenrecht“.

Das von einer „Daten-Ethikkommission“ innerhalb eines Jahres auszuarbeite Datenrecht solle mehr Transparenz für die Bürger schaffen, kündigte Braun an. „Dem Bürger muss erstmal immer sehr transparent sein, welche Daten er zur Verfügung stellt. Und er muss das grundsätzlich immer sehr einfach und sehr wirksam unterbinden können. Auf der anderen Seite müsse es für die Wirtschaft klare Regeln geben, welcher Umgang mit Daten erlaubt ist und welcher nicht.“

Nachdem sich seine Kanzleramts-Kollegin Dorothee Bär kürzlich dadurch hervorgetan hat, den Datenschutz zu einem Ansatz aus dem 18. Jahrhundert zu erklären, konzentriert sich der Kanzleramtschef auf einen Ansatz, bei dem es weniger um den Schutz des Grundrechts auf informationelle Selbstbestimmung geht, sondern um die Nutzbarmachung von immer mehr Daten. Dies passt zu den Äußerungen von Bundeskanzlerin Angela Merkel, die in letzter Zeit jede positive Bezugnahme auf den Datenschutz peinlich vermeidet, und stattdessen lieber von „Datensouveränität“, „Datenpolitik“, „Dateneigentum“ und „Datenreichtum“ spricht.

Dass es dabei nicht in erster Linie um die Stärkung der Transparenz der Datenverarbeitungsmodelle und um stregere Regeln zum Umgang mit Daten geht, ist anzunehmen. So hat sich die Große Koalition 2017 bei der Novellierung des Bundesdatenschutzgesetzes infolge des Inkrafttretens der DSGVO eher um eine Entschärfung der europaweiten Datenschutzbestimmungen bemüht. Ihr Gesetzentwurf (Bundestags-Drucksache 18/11325) zeichnete sich dadurch aus, die in der DSGVO vorgesehenen Informationspflichten bei der Erhebung und Verarbeitung personenbezogener Daten einzuschränken. Auch die Auskunftsrechte der von der Datenverarbeitung betroffenen Personen sollten beschnitten werden. Dass die vom Bundestag beschlossenen Einschränkungen der Transparenz der Datenverarbeitung weniger gravierend ausfielen, ist nicht zuletzt dem Widerstand von Verbraucher- und Datenschützern zu danken, und war nicht etwa das Ergebnis des Umdenkens in dem für das Gesetzgebungsvorhaben federführenden Bundesministerium des Innern.

Um es zusammenzufassen: Der Umgang mit personenbezogenen Daten ist in der Datenschutz-Grundverordnung umfassend geregelt. Im Hinblick auf die Vorgaben für Internet-Dienste und Telekommunikationsunternehmen ist zwar eine Überarbeitung der bisherigen Regelungen angebracht, aber auch dabei handelt es sich in erster Linie um ein europäisches Thema (ePrivacy). Deutsche Alleingänge machen da wenig Sinn.

Peter Schaar

Fehlstart! Dorothee Bärs eigenartiges Datenschutzverständnis

„Wir brauchen … endlich eine smarte Datenkultur vor allem für Unternehmen. Tatsächlich existiert in Deutschland aber ein Datenschutz wie im 18. Jahrhundert.“ Dieser Satz stammt nicht etwa von dem Vertreter einer der viel gescholtenen Datenkraken aus den USA, sondern von Dorothee Bär (CSU), der designierten Staatsministerin „für Digitales“ der neu aufgelegten großen Koalition. Ihr zentrales Projekt besteht offensichtlich darin, die sensibelsten Daten weltweit verfügbar zu machen, etwa Patientendaten: „Und auch im Gesundheitsbereich liegen so viele Chancen! Könnten Daten deutscher Patienten mit weltweiten Datenbanken abgeglichen werden, wäre eine Diagnose oft schneller da, als sie zehn Ärzte stellen können,“ meinte sie in einem Interview mit der Bild-Zeitung vom 5. März 2018.

Auch wenn das nicht so gemeint war: Datenschutz hat etwas zu tun mit grundlegenden Wertvorstellungen, die im 18. Jahrhundert – formuliert wurden und die, müsste man meinen, auch heute noch das Fundament unserer freiheitlichen Gesellschaft bilden: Die von Jean-Jacques Rousseau geprägte Vorstellung von Menschenrechten, bürgerlicher Freiheit und Selbstbestimmung. Sie sind in die im Jahr 1776 in die Bill of Rights von Virginia und von der französischen Nationalversammlung am 26. August 1789 beschlossene Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte eingeflossen. Datenschutz ist nichts anderes als die Gewährleistung des Selbstbestimmungsrechts im digitalen Zeitalter. Nicht umsonst billigt das Bundesverfassungsgericht seit seinem Volkszählungsurteil von 1983 jedem Menschen ein „Grundrecht auf informationelle Selbstbestimmung“ zu. Die Grundrechte auf Wahrung der Privatsphäre und den Schutz der personenbezogenen Daten sind zudem durch Art. 7 und Art. 8 der Charta der Grundrechte der Europäischen Union direkt anwendbares Recht in allen Mitgliedstaaten der EU.

In der regierungsseitig offensichtlich angestrebten „smarten Datenkultur“ ist für Bedenkenträgerei von Datenschützern offensichtlich kein Platz. Während sich sogar bei US-Unternehmen, nicht zuletzt aufgrund der Neuregelungen im europäischen Datenschutzrecht, allmählich die Auffassung durchsetzt, ohne Datenschutz ließen sich in Zukunft keine guten Geschäfte mehr machen, gibt es in der Bundesregierung offensichtlich die Tendenz, den Schutz personenbezogener Daten auf dem Altar der Profitabilität zu opfern. Zudem sei daran erinnert, dass sich maßgebliche Vertreter der bisherigen Bundesregierung, allen voran Bundesinnenminister Thomas de Maizière, massiv dafür eingesetzt haben, sämtliche Verarbeitungsmöglichkeiten, die der Wirtschaft zur Verfügung stehen, auch staatlichen Stellen zu erlauben.

Man darf gespannt sein, wie sich der Koalitionspartner der Unionsparteien, die SPD, zu einer derartigen Marschrichtung stellt – schließlich hatte sie sich ja einiges darauf zugute gehalten, in der Koalitionsvereinbarung die eine oder andere Formulierung zum Schutz der Bürger und Verbraucher vor der Datenübermacht durchgesetzt zu haben.

Eine Digitalisierung, die auf der umfassenden Überwachung und maximalen Ausnutzung persönlicher Daten beruht, wäre ein Fluch und kein Segen. China macht das gerade mit der Einführung eines umfassenden Social Scoring Systems vor. Deshalb gilt es, dafür einzutreten, dass sich die grundlegenden Werte einer freiheitlichen Gesellschaft auch in der Digitalstrategie im 21. Jahrhundert wiederfinden. Dazu gehört auch der Datenschutz.

Ihr Peter Schaar