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„Datenschutzanpassungs- und Umsetzungsgesetz“ – Zu kurz gesprungen

Unhandlich und trotzdem unvollständig  …

Die Bundesregierung hat heute den Entwurf für ein „Gesetz zur Anpassung des Datenschutzrechts an die Verordnung (EU) 2016/679 und zur Umsetzung der Richtlinie (EU) 2016/680 (Datenschutz-Anpassungs- und -Umsetzungsgesetz EU – DSAnpUG-EU)“ beschlossen. So unhandlich der Titel ist, so unlesbar ist die Vorschrift selbst. Allein die zentrale Vorschrift, das neue Bundesdatenschutzgesetz, umfasst 85 Paragraphen und ist damit doppelt so lang wie das bisherige BDSG. Wer in Zukunft wissen will, welche Datenschutzbestimmungen in Deutschland zu beachten sind, muss die EU-Datenschutzgrundverordnung (DSGVO) und das neue BDSG nebeneinanderlegen. Zudem bleibt völlig unklar, was aus den datenschutzrechtlichen Regelungen in den vielen Spezialgesetzen wird – vom Sozialgesetzbuch über das Telekommunikations- und Medienrecht bis zum Bundesstatistikgesetz -, die (zunächst) in Kraft bleiben, ganz zu schweigen von den vielfältigen Bestimmungen im Landesrecht.

Ohne Rat von auf das Datenschutzrecht spezialisierten Anwälten wird es Unternehmen und Bürgern also auch in Zukunft nicht leicht fallen, sich datenschutzkonform zu verhalten oder Datenschutzrechte – etwa das Recht auf Auskunft oder Löschung – durchzusetzen.

… europarechtswidrig …

Die Unhandlichkeit des Gesetzeswerks ist vor allem der Tatsache geschuldet, dass man in der Bundesregierung mit der von der Europäischen Union beschlossenen Datenschutzreform nicht einverstanden ist, unbeschadet der Tatsache, dass Deutschland der EU-DSGVO (Verordnung (EU) 2016/679) und der Datenschutzrichtlinie für Polizei und Justiz (Richtlinie (EU) 2016/680) zugestimmt hat, die im Mai 2018 wirksam werden. Den ganzen Text durchzieht das Bemühen, soviel vom alten BDSG zu „retten“ wie möglich. Das Ergebnis ist fatal: Das neue BDSG wiederholt viele Vorschriften des DSGVO, unterscheidet sich aber vielfach im Detail. Dies widerspricht zum einen dem „Wiederholungsverbot“ bei direkt anwendbarem EU-Recht. Viel gravierender ist es aber, dass in der Substanz von den europarechtlichen Vorgaben abgewichen wird, insbesondere bei der Verarbeitung personenbezogener Daten für andere Zwecke, bei den Rechten der Betroffenen und bei den Befugnissen der Datenschutzbehörden.

Paradoxer Weise werden trotz der hohen Regelungsintensität die in der DSGVO enthaltenen Gestaltungsspielräume für nationale Datenschutzregelungen nur unzureichend ausgefüllt. So fehlen etwa jegliche Ausführungen zum Ausgleich zwischen den Rechtsgütern Datenschutz und Meinungsfreiheit, die gerade angesichts der aktuellen Diskussionen über Fakenews und Hatespeach dringend erforderlich wären. Diese schwierige Materie will der Bund offenbar den Ländern überlassen – mit ungewissem Ausgang.

… auf reduziertem Datenschutzniveau

Die Frage drängt sich auf: Warum das ganze? Die DSGVO wird ab Mai 2018 als direkt in den Mitgliedstaaten anwendbares Recht gelten und der deutsche Gesetzgeber hätte sich mit einer schlanken Regelung begnügen können, die sich auf die wesentlichen Dinge – etwa die Ausgestaltung der Aufsichtsbefugnisse der Datenschutzbehörden, die Benennung betrieblicher Datenschutzbeauftragter, den Rechtsschutz der Betroffenen und das Füllen der expliziten Regelungsspielräume etwa bei Beschäftigten-, Gesundheits- und Forschungsdaten. Warum also so kompliziert und wortreich, wo es doch einfacher ginge?

Die Antwort erschließt sich erst auf den zweiten Blick: Viele der Regelungen senken das Datenschutzniveau gegenüber der DSGVO ab. So werden die Rechte auf Information, Auskunft und Löschung personenbezogener Daten eingeschränkt. Auf der anderen Seite werden insbesondere den Behörden zusätzliche Befugnisse eingeräumt: Sie dürfen mehr Daten erheben, auswerten und übermitteln als in der DSGVO vorgesehen. Last but not least: Auch die Videoüberwachung soll ausgeweitet werden, wobei im Zweifel die Rechte der Betroffenen zurückzustehen haben.

Fazit

Die Bundesregierung bemüht sich also nach Kräften, die Legende vom „hohen deutschen Datenschutzniveau“ zu entkräften. Dies ist insbesondere deshalb fatal, weil sie zugleich auch einen der größten europapolitischen Erfolge – an dem übrigens auch der neue SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz in seiner Funktion als Präsident des Europäischen Parlaments maßgeblich mitgewirkt hat -, die EU-Datenschutzreform konterkariert. Der deutsche Bundestag und der Bundesrat sollten dieses für die Zukunft der Informationsgesellschaft zentrale Vorhaben nicht durchwinken, sonderm kritisch überprüfen und korrigieren.

ABDSG-Entwurf: Gesetz zur Aufweichung des Bundesdatenschutzgesetzes?

Der Blog „Netzpolitik“ hat heute den Entwurf eines vom Bundesinnenministerium (BMI) erarbeiteten „ABDSG“ veröffentlicht. Schon vor Wochen geisterten entsprechende Meldungen durch Blogs wirtschaftsnaher Anwaltskanzleien und Unternehmensberatungen (etwa dem Hogan-Lovells-Blog v. 24. August 2016), denen der Entwurf offenbar schon sehr frühzeitig bekannt war. Es ist gut, dass nun auch die interessierte Öffentlichkeit den Entwurf kennt.

ABDSG steht für „Allgemeines Bundesdatenschutzgesetz“. Es geht um die Anpassung des Datenschutzrechts des Bundes an die Vorgaben der EU-Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO), die in knapp zwei Jahren in Kraft tritt.

Während der Verhandlungen zur DSGVO hatte das BMI immer wieder für die Möglichkeit geworben, den Mitgliedstaaten weitgehende Regelungsmöglichkeiten zu belassen. Zur Begründung hatten die jeweiligen Bundesinnenminister Friedrich (CSU)  und de Maizière (CDU) angeführt, ihnen ginge es darum, das „hohe deutsche Datenschutzniveau“ zu erhalten.

Nach der Lektüre des Gesetzentwurfs drängt sich allerdings der Eindruck auf, dem Bundesinnenministerium gehe es weder um eine sinnvolle Umsetzung der EU-Vorgaben noch um die Nutzung von Regelungsspielräumen zum Erhalt eines hohen deutschen Datenschutzniveaus, sondern vorrangig um dessen Absenkung.

Drei Haupttendenzen ziehen sich durch den 79-seitigen Referentenentwurf:

Staatliche Stellen erhalten mehr Befugnisse zur Verarbeitung personenbezogener Daten.

An Stelle spezifischer Vorgaben für die Erhebung, Speicherung, Änderung und Nutzung sollen Generalermächtigungen zur Verarbeitung treten. Spezifische Zweckbindungsregeln sollen durch biegsame Verwendungsregeln abgelöst werden, die den Vorgaben des Bundesverfassungsgerichts (und der DSGVO) Hohn sprechen. Insbesondere bei den Nachrichtendiensten sollen die Schwellen zur Erhebung von Daten weiter abgesenkt werden.

Die Betroffenenrechte und die Kontrollbefungnisse der BfDI werden eingeschränkt, wo immer es die EU-Vorgaben zulassen und teils sogar dort, wo es solche Spielräume nicht gibt.

Gerupft werden sollen Auskunfts-, Informations- und Widerspruchsrechte und den Anspruch auf Löschung der Daten. Auch die Kontrollbefugnisse der Bundesdatenschutzbeauftragten sollen eingeschränkt werden, insbesondere gegenüber dem Verfassungsschutz und dem Bundesnachrichtendienst. Sie soll sich bei Angelegenheiten, welche die Nachrichtendienste betreffen, auch nicht mehr an den Bundestag oder an die parlamentarischen Kontrollgremien wenden dürfen.

Für die Datenverarbeitung durch die Wirtschaft erfindet das BMI neue Ausnahmen

Die Zweckbindung soll auch hier aufgeweicht werden. Zugleich sollen Unternehmen von lästigen Auskunfts- und Löschungspfichten entbunden werden, wenn damit ein „unverhältnismäßiger Aufwand“ verbunden wäre.

Sicher, es gibt auch einige Lichtblicke, aber diese muss man mit der Lupe suchen. So soll das bewährte deutsche System der betrieblichen Datenschutzbeauftragten erhalten bleiben. Zudem gesteht das BMI der Bundesdatenschutzbeauftragten einige neue Stellen zu. Das wars dann aber.

Vor diesem Hintergrund ist es zu begrüßen, dass – wie Netzpolitik berichtet – das Bundesjustizministerium aus verfassungsrechtlichen und handwerklichen Gründen die Notbremse gezogen und die offizielle Versendung des ABDSG-Referentenentwurfs gestoppt hat.

Um es auf den Punkt zu bringen: Ein solches Datenschutzabsenkungsgesetz brauchen wir überhaupt nicht!

Peter Schaar