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Eine schicksalhafte Entscheidung – US-Supreme Court verhandelt über exterritorialen Datenzugriff

von Peter Schaar

Morgen, am 27. Februar 2018, beschäftigt sich der Oberste US-Gerichtshof mit einem Fall, der für die transatlantischen Beziehungen – und darüber hinaus für die Zukunft der globalen Informationsgesellschaft – von erheblicher Bedeutung sein wird: Der Supreme Court verhandelt über die Grundrechte und über die Einhaltung rechtsstaatlicher Verfahren – Werte, die Kernanliegen Europas darstellen und die zugleich zum Grundbestand demokratischen Werte Amerikas gehören.

Es geht um die Frage, ob die Strafverfolgungsbehörden der USA Durchsuchungsbefehle erlassen können, um Internetfirmen zu zwingen, die in Europa gespeicherten E-Mails und andere Dokumente  ohne die Erlaubnis oder Beteiligung der betreffenden Personen oder der jeweiligen Regierung herauszugeben.

Der Fall geht auf Dezember 2013 zurück, als ein New Yorker Richter einen Durchsuchungsbefehl gegen Microsoft ausstellte, der die Beschlagnahme von Kundeninformationen in Verbindung mit einem webbasierten E-Mail-Konto anordnete. Microsoft hat die in den USA gespeicherten Metadaten des Accounts an die US-Behörden herausgegeben, aber das Unternehmen verweigerte die Offenbarung der auf Servern in Irland gespeicherten E-Mail-Inhalte, mit der Begründung, dass US-Anordnungen nicht einseitig zur Erlangung von in anderen Ländern E-Mails und sonstigen Dokumenten verwendet werden dürften.

Die Übermittlung von Informationen aus der Europäischen Union in die USA stellt eine Datenverarbeitung dar, und daher gelten dafür die EU-Datenschutzvorschriften. Der Schutz der Privatsphäre und der Schutz personenbezogener Daten gelten in Europa als Grundrechte. Diese Rechte werden durch die Europäische Menschenrechtskonvention und durch die Charta der Grundrechte der Europäischen Union garantiert.

Das europäische Recht verbietet die extraterritoriale Anwendung der von einem Drittland erlassenen Rechtsvorschriften, die sich auf die Tätigkeiten natürlicher und juristischer Personen auswirken, die der Gerichtsbarkeit des Mitgliedstaats unterliegen. Das europäische Recht bietet verschiedene Rechtsinstrumente für die Offenlegung und Übermittlung von für Unternehmenszwecke erhobenen personenbezogenen Daten an ausländische Behörden. In der Datenschutz-Grundverordnung – Art. 48 – wird ausdrücklich betont, dass jedes Urteil eines Gerichts und jede Entscheidung einer Verwaltungsbehörde eines Drittlandes, die von einem Verantwortlichen oder Auftragsverarbeiter die Übermittlung oder Weitergabe personenbezogener Daten verlangt, nur anerkannt oder vollstreckt werden dürfen, wenn sie „auf eine in Kraft befindliche internationale Übereinkunft wie etwa ein Rechtshilfeabkommen zwischen dem ersuchenden Drittland und der Union oder einem Mitgliedstaat gestützt sind.“

Der Microsoft-Fall und die rechtlichen Argumente der US-Regierung haben auf der ganzen Welt für Besorgnis gesorgt. Viele internationale Interessengruppen haben „Amicus Briefs“ beim Obersten Gerichtshof eingereicht, darunter Regierungen, Parlamentarier, globale Unternehmen und Organisationen, der UN-Sonderberichterstatter für den Schutz der Privatsphäre, Rechtsexperten, Informatiker und zivilgesellschaftlichen Gruppen. Die Europäische Kommission hat dem Gericht eine „neutrale“ Stellungnahme übermittelt, in der sie das EU-Recht und die Regeln für gültige Datenübertragungen erläutert. Die Artikel-29-Datenschutzgruppe, in der die Datenschutzbehörden aller EU-Mitgliedstaaten und der Europäische Datenschutzbeauftragte zusammenarbeiten, hat erklärt, dass die Position der US-Regierung „einen Eingriff in die territoriale Souveränität eines EU-Mitgliedstaats“ darstelle. Das Justizministerium solle stattdessen die Rechtshilfeverträge (Mutual Legal Assistance Treaty – MLAT) verwenden, welche die USA und Europa ausgehandelt haben, um genau diese Art von Problemen zu lösen, darunter auch ein entsprechendes Abkommen mit Irland.

Die MLATs bieten Möglichkeiten der internationalen Zusammenarbeit in Strafsachen, einschließlich der Sammlung von Beweismitteln. Sie definieren den Rahmen für die Lösung grenzüberschreitender Datenerhebungen und legen geeignete Verfahren für den Umgang mit Anfragen ausländischer Regierungen fest. Insbesondere gewährleisten die Verträge die Rechte der betroffenen Personen und die Berücksichtigung anderer lebenswichtiger nationaler Interessen. Beispielsweise haben die nationalen Behörden zu prüfen, inwieweit eine Übermittlung von Daten für Strafverfahren dem nationalen Recht entspricht. Der direkte Zugriff der US-Behörden auf die Daten würde diese Schutzmaßnahmen umgehen und die Grundrechte der Europäer verletzen. Die Auswirkungen solcher einseitiger Praktiken können nicht überschätzt werden. Es wäre mehr als ein unfreundlicher Akt. Die Europäische Union, europäische Regierungen und europäische Bürger würden sie zu Recht als unzulässig betrachten.

Wenn die Strafverfolgungsbehörden in den USA extraterritorialen Zugang zu Daten erhalten — allein auf Grund amerikanischen Rechts, ohne Zustimmung der zuständigen Behörden des betreffenden Staats – , würde dies die Tür öffnen für die Beschlagnahme von Dokumenten von jedem Ort der Welt.

Es ist nicht überraschend, dass die Haltung der US-Regierung in der europäischen Öffentlichkeit auf scharfe Kritik gestoßen ist. Ulrich Kelber, parlamentarischer Staatssekretär im Bundesjustizministerium, nannte die US – Position eine „Besorgnis erregende Angelegenheit“. Es bestehe die Gefahr, dass dann auch andere Länder einen globalen Zugriff auf die Daten von Unternehmen haben wollten. „Damit ist das Grundprinzip des transatlantischen Datenaustauschs gefährdet“, so Kelber. „Wenn die US-Regierung in Datenschutzfragen nur die Einspruchsrechte von US-Bürgern duldet, dann ist das Privacy Shield tot.“ Dorothee Bär, parlamentarische Staatssekretärin im Ministerium für digitale Infrastruktur (CSU), wies es als „absolut nicht akzeptabel“ zurück, wenn per US-Gerichtsbeschluss Daten aus einem anderen Land abgegriffen werden könnten. „Wäre es das, würden wir in Zukunft auch kein Problem mehr damit haben, wenn China dies tun würde oder die Türkei, um an Daten von in Deutschland lebenden vermeintlichen Staatsfeinden zu gelangen“. Eine derartige Entscheidung zugunsten der US-Regierung würde „zu einem Chaos“ führen. Unternehmen müssten entweder das europäische Recht brechen oder ein amerikanisches Urteil ignorieren. Die hohen Standards der am Mai geltenden EU-Datenschutzgrundverordnung und die praktizierte Rechtshilfe dürften „nicht unilateral durch die Entscheidung des Supreme Courts de facto abgeschafft werden“, meinte Fraktionsvize von Bündnis 90/Die Grünen Konstantin von Notz. Der Grünen-Wirtschaftsexperte Dieter Janecek unterstrich, europäische Unternehmen könnten von US-Behörden nicht gezwungen werden, gegen europäisches Recht zu verstoßen. Ein Zugriffsrecht von ausländischen Ermittlungsbehörden auf in Europa gespeicherte Daten wäre daher „absolut fatal“ für die Grundrechte der Bürger und für die Wirtschaft. (Alle Zitate: Handelsblatt, 16.1.2018)

Ob der Supreme Court diese und andere Warnungen Ernst nimmt, werden wir demnächst wissen. Es ist zu hoffen, dass die Europäische Kommission und die Bundesregierung es nicht mit verbalen Warnungen bewenden lassen, falls die Entscheidung zugunsten der US-Regierung ausfällt.

Vorsicht Grenzüberschreitung – Direkter Datenzugriff gefährdet Grundrechte!

Digitale Globalisierung und nationales Recht stehen in einem zunehmenden Spannungsverhältnis. Nirgends zeigt sich dies so deutlich wie bei der Strafverfolgung. Strafverfolgungsbehörden verlangen in strafrechtlichen Ermittlungen in immer mehr Fällen Zugang zu personenbezogenen Daten, die außerhalb ihrer nationalen Grenzen gespeichert sind. Dies kann angesichts der Tatsache, dass beliebige Datenmengen per Mausklick auf Server in anderen Kontinenten transferiert werden können, eigentlich niemanden verwundern.

Natürlich hat es Fälle, in denen die Strafverfolgung eine grenzüberschreitende Kooperation erforderlich machte, schon früher gegeben. Eine traditionelle Regelung zur Lösung grenzüberschreitender Datenanfragen in Strafsachen bieten die zwischen Staaten geschlossene Rechtshilfevereinbarungen (Mutual Legal Assistance Treaties, MLAT). Sie legen entsprechende Verfahren fest, wie mit Rechtshilfeersuchen aus dem Ausland umzugehen ist. So können die nationalen Behörden überprüfen, inwieweit etwa eine Datenübermittlung zur Durchführung eines Strafverfahrens in Einklang mit dem nationalen Recht steht. Dieses System wird jedoch von der steigenden Häufigkeit und Komplexität grenzüberschreitender Datenanforderungen überfordert. Infolgedessen gibt es erhebliche Verzögerungen bei der Verarbeitung von Anfragen.

Vor diesem Hintergrund fordern nationale Behörden und Gerichte in zunehmendem Maße von Unternehmen die Herausgabe von Daten, die sie außerhalb des eigenen Territoriums speichern. So verlangte ein belgisches Gericht von Microsoft die Herausgabe von Skype-Daten. Eine brasilianische Behörde forderte von Yahoo! die Herausgabe von Internet-Informationen über bestimmte Nutzer und chinesische Behörden verlangen von Internet-Anbietern vielfach die Herausgabe auf ausländischen Servern gespeicherter Daten. Aktuell erregt vor allem ein Fall Aufsehen, bei dem ein Bundesgericht im Bundesstaat New York die Firma Microsoft zur Herausgabe von E-Mails verpflichtet hat, die auf einem Server in Irland gespeichert sind. Der strittige Fall wird demnächst voraussichtlich vom US Supreme Court entschieden.

In derartigen Fällen stellt sich regelmäßig die Frage, inwieweit Grundrechte und andere, im Strafrecht enthaltene Schutzvorschriften verletzt werden. Gerade beim Strafrecht bestehen auf internationaler Ebene gewaltige Unterschiede. Eine Handlung, die in einem Staat strafbar ist, mag woanders erlaubt sein (etwa an die in Deutschland strafbaren Meinungsdelikte, die in den USA unter dem Motto „Freedom of Speech“ akzeptiert werden). Gleiches gilt für das Strafprozessrecht: Wann ein Richter entscheiden muss, welche Vorgaben für Beschlagnahmen und Durchsuchungen gelten, in welchen Fällen Beweisverwertungsverbote und Zeugnisverweigerungsrechte bestehen, unterscheidet sich von Land zu Land.

Soweit es sich bei den angeforderten Informationen um personenbezogene Daten handelt, sind die Grundrechte auf Wahrung der Privatsphäre und auf Datenschutz (Art. 7 und 8 der EU-Grundrechtecharta) direkt betroffen. Nach europäischem Rechtsverständnis ist die Herausgabe personenbezogener Daten an ausländische Behörden nur zulässig, wenn hierfür eine entsprechende Rechtsgrundlage im EU-Recht oder im Recht der Mitgliedstaaten besteht. Art. 48 der im Mai 2018 wirksam werdenden Datenschutzgrundverordnung (DSGVO) unterstreicht diesen Rechtsgrundsatz: Behördliche oder gerichtliche Anordnungen von Staaten außerhalb der EU dürfen nur dann anerkannt werden, wenn sie auf einer internationalen Übereinkunft wie einem Rechtshilfeabkommen beruhen.

Aber auch innerhalb der EU ist der Umgang mit grenzüberschreitenden Datenanforderungen von Strafverfolgungsbehörden anderer Mitgliedstaaten alles andere als unkompliziert. Zwar gibt es hier inzwischen das Instrument der Europäischen Beweisanordnung – EBA, welche die Erlangung von Beweismitteln aus einem anderen Mitgliedstaat erleichtert. Doch erlaubt auch die EBA nicht den direkten Zugriff auf in einem anderen Mitgliedstaat gespeicherte Daten.

Artikel 29 Gruppe nimmt zu E-Evidence Stellung

Vor diesem Hintergrund hat die Europäische Kommission unter der Überschrift „e-Evidence“ verschiedene Initiativen gestartet, die den grenzüberschreitenden Datenzugriff erleichtern sollen. Die Art. 29-Arbeitsgruppe, in der die Datenschutzbehörden der EU zusammenarbeiten, hat nun eine lesenswerte Stellungnahme zu den entsprechenden Vorschlägen veröffentlicht.

Die amtlichen Datenschützer weisen darauf hin, dass der Zugriff der Strafverfolgungsbehörden auf personenbezogene Daten in die durch die Grundrechtecharta garantierten Grundrechte eingreift. Jede Beschränkung dieser Grundrechte müsse deren Kern respektieren und zudem dem Verhältnismäßigkeitsgrundsatz entsprechen. In der Stellungnahme wird ausführlich dargelegt, dass die bisher vorgelegten Vorschläge diesen Anforderungen nicht gerecht werden. Kritisiert wird etwa die Möglichkeit, dass sich der grenzüberschreitende Zugriff nicht auf die Verfolgung schwerer Straftaten beschränken sollen. Zudem bemängelt die Art. 29 Gruppe, dass die bislang vorgelegten Vorschläge zu e-Evidence keine Vorgaben zur Gewährleistung der Transparenz bei grenzüberschreitenden Datenanfragen und keine Verpflichtungen zur (nachträglichen) Benachrichtigung der Betroffenen enthalten.

Als besonders problematisch sehen es die Datenschutzbeauftragten an, dass grenzüberschreitende Datenanforderungen von Behörden der Mitgliedstaaten Daten umfassen sollen, die außerhalb der EU gespeichert sind. Sollte die EU eine entsprechende Regelung treffen, würde dies im Umkehrschluss bedeuten, dass letztlich auch entsprechende unilaterale Vorgaben anderer Staaten, etwa der USA akzeptiert werden müssten. Sie fordern, dass Datenanforderungen zwischen Drittstatten und der EU weiterhin nur auf Basis internationaler Rechtshilfeabkommen nachgekommen werden soll. Dies schließt natürlich nicht aus, dass auch beim Datenaustausch über die EU-Außengrenzen hinaus die entsprechenden Prozeduren verbessert und beschleunigte Entscheidungen herbeigeführt werden.