Sack und Esel

Von Peter Schaar

„Man schlägt den Sack und meint den Esel“ (altes deutsches Sprichwort)

Dieses alte deutsche Sprichwort umschreibt eine Maßnahme, die den falschen trifft. Gerade erleben wir eine neue Aufführung dieses uralten Stückes. Das Ensemble ist wie folgt besetzt: Als Esel brillieren Facebook und (als Ersatzbesetzung) Twitter. Der Sack – oder besser – die Säcke  werden verkörpert durch Unternehmen und öffentliche Stellen, die eine Facebook-Fanpage oder einen offiziellen Twitteraccount betreiben. Ob auch andere User die anspruchslose Rolle des Sackes übernehmen werden, muss ein zukünftiges Casting entscheiden. Wer die Rolle des Schlagenden übernimmt, ist ebenfalls noch nicht endgültig geklärt: In einer früheren Inszenierung war er mit dem schleswig-holsteinischen Hirten besetzt. Heute erwägen auch andere Hirten, sich dieses Kostüm anzuziehen, scheinen sich aber noch ob der unabsehbaren Konsequenzen nicht entschieden zu haben, ob sie die Rolle übernehmen wollen.

Das ganze Stück lebt von dem Spannungsmoment eines unsichtbaren Dritten, der nicht aus den Kulissen tritt, von dem das Publikum aber erwartet, dass er eigentlich eine Hauptrolle spielen müsste. Um wen es sich dabei handelt, ist eigentlich jedem klar: Es ist der auf einer grünen Insel ansässige Hirte, in dessen Garten der Esel angepflockt ist. Die dortige Regierung hatte keine Mühe gescheut, den Esel zu mästen, ihn also im wahrsten Sinne des Wortes zum Goldesel zu machen, der Dukaten in die nationale Schatztruhe scheißt. Das funktionierte aber nur, solange der Esel ungehindert auch in den umliegenden Feldern grasen und sich vollfressen konnte. Das gelang ihm erstaunlich lange ziemlich gut, denn der Esel war vor den Häschern aus anderen Ländern durch das Recht des Inselstaates beschützt und den in den Weideländern ansässigen Hirten waren die Hände gebunden. Und der Inselhirte machte keine Anstalten, dem Treiben ein Ende zu machen, denn er sah, wie die Felder auf seiner schönen Insel immer grüner wurden, weil die Regierung einen Teil der Erträge in guten Dünger investierte.

Der Esel wurde immer fetter und die von ihm erzeugten Goldschätze wurden immer größer. Auch wenn das meiste Gold nach Übersee geschafft wurde, blieb doch ein erklecklicher Haufen für den Schatzkanzler des Inselstaats übrig. Gleichzeitig war der Esel aber so gefräßig, dass auf den von ihm abgeweideten Flächen kaum noch ein Pflänzchen wuchs. Es ist gut zu verstehen, dass dies den Nachbarn nicht gefiel, denen die verödeten Felder gehörten. Sie ärgerten sich besonders, weil der Inselstaat dem selben Club angehörte wie sie selbst. Deshalb schufen sie eine neue, für alle Mitglieder verbindliche Regel. Diese Grundverordnung sollte von nun an überall gleichermaßen gelten, auch auf der Insel. Darüber wachen sollten alle Hirten gemeinsam, die sich jeweils am ersten Donnerstag nach Vollmond in Brüssel trafen, um gemeinsam zu beraten, wie man mit verfressenen Eseln und anderen Plagen umgehen sollte, die das Land verheerten. Obwohl sie sich sehr anstrengten, fanden sie bezüglich der Eselsfrage keine gemeinsame Lösung, derweil das Tier weiterhin jedes Pflänzchen fraß, dessen es ansichtig wurde.

Angesichts dessen wurde es einem Hirten aus dem hohen Norden zu bunt. Er sagte: „Wenn der Inselhirte sich weiterhin weigert, müssen wir selbst zum Stock greifen und dem Treiben ein Ende bereiten“. Und ein anderer Hirte aus dem Südwesten des Landes, dem der Esel bisher einige Dienste geleistet hatte, lenkte kleinlaut ein: „Keinesfalls will ich weiter den unbotmäßigen Esel füttern. Ich verspreche, fürderhin diejenigen zu bestrafen, die kein Einsehen haben.“

Da sie den unter dem Schutz des der Regierung des Inselstaates stehenden Esel aber nicht selbst bestrafen konnten, schlugen sie auf diejenigen ein, die ihn zum Transport ihrer Säcke nutzten und ihn fütterten. Die Eigentümer der Säcke wollten dies nicht hinnehmen und brachten den Fall vor Gericht. Während der Dorfrichter ihrem Anliegen Verständnis entgegenbrachte, entschied das oberste Gericht anders: Da sie den gefräßigen Esel gefüttert hätten, wären sie für sein Handeln mitverantwortlich und der strenge Hirte habe sie zu Recht gezüchtigt. Während die Sackbesitzer ratlos zurückblieben, entkam der Esel durch einen Sprung über die Gartenhecke und suchte sich andere Felder.

Ein Weiser aber, der das Ganze beobachtet hatte, schüttelte den Kopf und sagte:

„Es beeindruckt den Esel nicht, wenn man den Sack schlägt, den er trägt. Erst wenn es dem Inselkönig an den Goldschatz geht, wird er den Esel daran hindern, ohne Rücksicht auf die Regeln auf fremden Feldern zu weiden“. 

In diesem Sinne wünsche ich allen ein fröhliches und erfolgreiches neues Jahr 2020!

Ihr  Peter Schaar

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