Facebook: Jede große Reise beginnt mit einem kleinen Schritt

Zunächst einmal herzlichen Dank für die Kommentare zu meiner Ankündigung, Facebook zu verlassen, die ich inzwischen umgesetzt habe.

Ich will hier eine kurze Erläuterung nachreichen: Es war immer mein Anliegen, nicht nur über den Datenschutz zu theoretisieren, sondern auch praktische Erfahrungen zu sammeln. Manches stellt sich nunmal aus der User-Sicht anders dar als von den rechtlichen Höhen der Datenschutzaufsicht. Dabei war mir natürlich seit langem klar, dass die Praxis von Facebook zur Realnamenspflicht und die Profilbildung  den Vorgaben des deutschen Telemediengesetzes nicht entspricht.

Die geänderten FB-Nutzungsbedingungen gehen jedoch darüber hinaus, denn FB räumt sich darin das Recht ein, uns auch außerhalb  seines Dienstes zu beobachten, unser Surfverhalten zu registrieren und sich auf dem den von uns verwendeten Geräten nach anderen Apps umzuschauen. Dies überschreitet aus meiner Sicht jedes akzeptable Maß und entspricht auch nicht den Vorgaben des Europäischen Datenschutzrechts, zu dessen Einhaltung sich FB eigentlich verpflichtet hat – und verpflichtet ist (Sitz der FB Inc.: Dublin). Dies gilt auch für die  “Einwilligung”, die dann als erteilt gilt, wenn man den Dienst nach dem Inkrafttreten der geänderten Regeln weiter nutzt. Diese Einwilligung ist aus meiner Sicht unwirksam, denn gerade bei einem marktbeherrschenden Unternehmen kann von der durch die EG-Datenschutzrichtlinie Freiwilligkeit der Einwilligung keine Rede sein. Auch die Vorstellung, allein durch die Dienstenutzung mit allem einverstanden zu sein, erscheint mir – insb. angesichts der Komplexität der Datensammlungen und -verarbeitungsvorgänge – nicht tragbar.

Daran ändert auch die neu eingeführte Wahlmöglichkeit nichts, keine verhaltensspezifisch personalisierte Werbung mehr zu erhalten. Dies ist lediglich ein Opt Out bezüglich der Werbezusendungen, ändert aber nichts an der Beobachtung und Profilbildung. Und die Möglichkeit, bestimmte Werbung “abzuwählen”, führt nicht etwa zu weniger Beobachtung und Registriereung sondern fügt unserem Profil weitere Elemente hinzu.

Für mich war mit den neuen Nutzungsbedingungen eine rote Linie überschritten. Ich werde also in Zukunft ohne FB auskommen müssen, jedenfalls solange der Dienst seine Praxis nicht wesentlich ändert, woran ich derzeit eher zweifele. Schön wären allerdings auch die hier im Forum diskutierten Projekte datenschutzgerechter Alternativen. Ich habe vor, mich demnächst etwas intensiver im Netz umzusehen – es würde mich wundern, wenn es derartige Ansätze noch nicht gibt. Von einigen, etwa Diaspora, hat man ja schon gehört. Vielleicht kann ja jemand von Erfahrungen berichten.

Mir ist völlig klar, dass mein individueller Austritt aus dem Dienst nicht viel ändert. Diese Erfahrung hatte vor einigen Jahren schon die damalige Verbraucherschutzministerin Ilse Aigner machen müssen. Andererseits möchte ich an den Satz des großen chinesischen Gelehrten Konfuzius erinnern: “Jede große Reise beginnt mit einem kleinen Schritt”.

Mit freundlichen Grüßen

Peter Schaar

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Kommentare

Andreas | 23.06.2015

Ich bin sehr angetan vom noch recht neuen sozialen Netzwerk Ello (www.ello.co), das werbefrei ist und dessen Betreiber sich in Form einer Public Benefit Corporation (die US-Ausgabe einer gemeinnützigen GmbH) verpflichtet haben, nie die Daten der Nutzer zu verkaufen. Man kann für sein Profil auc...

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Wai | 06.02.2015

Es gibt durchaus auch für “junge Menschen” Möglichkeiten, mit ihrem sozialen Umfeld Kontakt zu halten, auch wenn sie Facebook verlassen. Es ist vielleicht etwas schwieriger und man muss sich mit Fragen dazu auseinandersetzen, aber es ist nicht unmöglich.
Die ersten paar von and...

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Frank | 02.02.2015

Ich bin schon vor Jahren zu diesem Schluss gekommen und raus aus Facebook. Aber nicht nur das, ich blocke Facebook wo immer es geht (keine Cookies, keine Requests, usw.) Wer in Facebook oder Whatsapp ist, dem habe ich mitgeteilt, ich möchte keinen Bezug zu mir in deren Adressbüchern haben, weil ...

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boRp | 02.02.2015

Sehr geehrter Herr Schaar,

der Schritt ist richtig – für Sie. Doch was empfehlen Sie einem jungen Menschen, der sich von seinem sozialen Umfeld ausgrenzt, wenn er FB verlässt? Und glauben Sie mir, in Vorstellungsgesprächen kommen Argumente wie “Datenschutz” nicht gut an ...

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Peter Schaar | 02.02.2015

Sehr geehrter Herr Peukert,

Sie weisen darauf hin, dass auch bestimmte deutsche soziale Netzwerke eine Realnamenspflicht vorsehen. Soweit es sich dabei um Netzwerke handelt, die vorwiegend der beruflichen Kommunikation dienen, ist dies weniger problematisch als bei Netzwerken, die vornehm...

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Klaus Peukert | 02.02.2015

Hallo Herr Schaar,

das mit der Profilbildung ist ein anderes Thema und kann gern kritisiert werden und meinetwegen finden sich auch Regelungen deutscher Gesetze mit denen das (schwer oder gar) nicht vereinbar ist. Das ist nicht mein Punkt, um den es mir geht.

Mich “stört̶...

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Milan | 02.02.2015

Hallo, danke für den guten Beitrag.
Ich würde mich freuen, Sie bald in meinen Diaspora* Kontakten einzufügen.

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Klaus Peukert | 02.02.2015

Sehr geehrter Herr Schaar,

Sie beginnen ihren Abschiedstext mit der Feststellung, dass Facebooks “Praxis [.] zur Realnamenspflicht [.] den Vorgaben des deutschen Telemediengesetzes nicht entspricht”. Dieses Argument wird regelmäßig genannt, ist aber ganz offensichtlich zu fals...

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Bruno Zacke | 02.02.2015

Hallo Herr Schaar,

Sie können sich ja einfach mal bei https://pod.geraspora.de/ anmelden, das ist ein sog. Pod des Diaspoara-Netzwerkes. Theoretisch können Sich sogar die Software herunterladen und einen eigenen Pod betreiben.

Federated Joe | 09.02.2015

Entscheidend ist, dass Diaspora und RedMatrix untereinander kommunizieren können. Das ist die richtige Entwicklung. Bleibt zu hoffen, dass noch weitere Projekte der “Federation” beitreten, dann gibt es keine Fragmentierung und alle ziehen gemeinsam an einem Strang gegen die Bösen, eg...

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Aliverable | 02.02.2015

Ich hab mich aus dem gleichen Grund bei Diaspora angemeldet und muss sagen, das ich recht zufrieden bin. Auch wenn kaum bekannte da sind macht das hashtagsystem das ganze wieder gut. Man bekommt also auch so Neuigkeiten. übrigens hat sich die Zahl der Deutschen Benutzer seit ein paar Tagen mehr ...

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pangu | 02.02.2015

Gratuliere zum Austritt. Man kann nur jedem empfehlen, es Ihnen gleichzutun. Als kleine Handreichung hier ein Link, über den man sein Konto direkt löschen kann:

Stephan Beyer | 02.02.2015

Nicht bei Facebook zu sein, reicht nicht. Denn diese vielen kleinen “Teile bei Facebook”-Buttons auf Webseiten werden oft von Facebook-Servern geladen, wodurch sie einfach das Surfverhalten tracken können. Um hier ansatzweise geschützt zu sein, gibt es Browser-Erweiterungen wie z.B. ...

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S.Hamel | 02.02.2015

Good suggestion about Ghostery, but be aware they collect information and sell it to advertisers! How do you think they make their money?

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Federated Joe | 09.02.2015

If you’re looking for an inependent tracker blocker, check out EFF’s Privacy Badger https://www.eff.org/privacybadger#how_is_it_different. “The Electronic Frontier Foundation is the leading n...

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Frank | 02.02.2015

Ghostery sammelt selbst Daten oder kann das zumindest tun.
Es braucht auch noch einen Cookieblocker, Scriptblocker und einen Requestblocker und wer es ganz genau machen möchte, braucht auch noch ein Plugin, das Anfragen über Proxy leiten kann, solche wie TOR z.B.

Nun, bei Google geh...

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Markus Väth | 02.02.2015

Danke für den Hinweis auf Ghostery. Ich setze es ebenfalls ein – und es ist schon bemerkenswert, wieviele Websites (auch deutsche, hier vor allem Meidenunternehmen) massiv Tracking-Software einsetzen. Stand heute ist für mich der Einsatz von Werbeblockern und Ghostery ein gehbarer Kompromi...

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