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Soll vor dem Bargeld das anonyme Bezahlen im Internet verboten werden?

Der von der Europäischen Kommission am 5. Juli 2016 vorgelegte Vorschlag zur Überarbeitung der Vierten EU-Geldwäscherichtlinie (2015/849 v. 20.5.2015 – GW-RL) begegnet erheblichen datenschutzrechtlichen Bedenken. Die im Entwurf vorgesehene ausnahmslose Identifikationspflicht der Nutzer von Online-Bezahlverfahren widerspricht dem in Art. 8 EU-Grundrechtecharta verbürgten Grundrecht auf Datenschutz. Sie verfehlt insbesondere die Vorgaben des Europäischen Gerichtshofs zur Vorratsdatenspeicherung (EuGH, 08.04.2014 – C-293/12 und C-594/12).

Zudem bestehen erhebliche Zweifel, inwieweit der vorgeschlagene Wegfall anonymer Bezahlmöglichkeiten im Internet kompatibel ist mit dem durch die Datenschutzgrundverordnung (2016/697 – DS-GVO) und der Datenschutzrichtlinie für Polizei und Justiz (RL 2016/680 – DS-JI-RL) vorgegebenen Rahmen.

Schließlich widerspricht die Änderung den Vorgaben des Bundesverfassungsgerichts zum Grundrecht auf informationelle Selbstbestimmung, indem sie den deutschen Gesetzgeber daran hindern würde, die europarechtlichen Vorgaben verfassungskonform umzusetzen.

Bemerkenswert ist auch, dass die vorgesehene Verschärfung des EU-Rechtsrahmens erfolgen soll, ehe die einschlägigen Regelungen der erst im vergangenen Jahr novellierten Geldwäscherichtlinie in nationales Recht umgesetzt worden sind – deren Umsetzungsfrist endet am 26. Juni 2017. Angesichts fehlender Erfahrungen mit deren Vorgaben sind Aussagen darüber nicht möglich, wie sich die verschärften Identifikationspflichten und die mitgliedsstaatlichen Gestaltungsmöglichkeiten bei deren Umsetzung auswirken. Dies gilt insbesondere für den sogenannten „risikobasierten Ansatz“, wonach die Verpflichteten bestimmte Vorgaben unter in § 12 Abs. 1 der GW-RL spezifizierten Voraussetzungen nicht anzuwenden haben.

Vorgaben aus der Vierten Geldwäscherichtlinie (RL 2015/849)

Die Verhinderung der Geldwäsche und die Bekämpfung der Terrorismusfinanzierung sind zweifellos legitime Ziele. Dementsprechend betrachtet der Europäische Gesetzgeber E-Geld-Produkte „als Ersatz für Bankkonten“ und unterwirft sie den Verpflichtungen zur Bekämpfung der Geldwäsche und der Terrorismusfinanzierung, insbesondere durch Transparenzvorgaben und Identifikationspflichten bezüglich deren Nutzern. Allerdings können die Mitgliedstaaten in Fällen, in denen erwiesenermaßen ein geringes Risiko besteht, und sofern strikte risikomindernde Maßnahmen ergriffen werden, E-Geld von der Pflicht zur Feststellung und Überprüfung der Identität des Kunden und des wirtschaftlichen Eigentümers freistellen (Art. 12 Abs. 1 GW-RL).

Zu den risikomindernden Voraussetzungen zählt, dass die ausgenommenen E-Geld-Produkte ausschließlich für den Erwerb von Waren oder Dienstleistungen genutzt werden und dass der elektronisch gespeicherte Betrag so gering sein muss, dass eine Umgehung der Vorschriften über die Bekämpfung der Geldwäsche und der Terrorismusfinanzierung ausgeschlossen werden kann. Die Kommission will die ohnehin niedrig bemessene Höchstgrenze des in anonymen Prepaid-Produkten zu speichernden Betrags weiter begrenzen, was den Einsatzbereich von anonymen Zahlungsmitteln auch außerhalb des Online-Bereichs weiter einschränken würde.

Generelle Identifikationspflichten

Nach dem Kommissionsvorschlag zur Änderung von Art. 12 Abs. 2 GW-RL („ … either of online payment …“) sollen E-Geldprodukte, die für Online-Zahlungen verwendet werden, ausnahmslos von diesem risikobasierten Ansatz ausgenommen werden. Damit könnten die Mitgliedstaaten – anders als bisher – bei derartigen E-Geld-Produkten generell keine Ausnahmen von der Identifizierungspflicht mehr vorsehen.

Nach Art. 12 (neu) müsste sich jede Person, die ein entsprechendes E-Geld-Produkt erwirbt, identifizieren, z.B. mit ihren Ausweisdokumenten. Unklar ist in diesem Zusammenhang, inwieweit die nach Art. 15 GW-RL weiterhin möglichen „vereinfachten Sorgfaltspflichten“ auch die Kundenidentifizierung umfassen können, etwa im Hinblick auf die zum Nachweis der Identität erforderlichen Unterlagen bzw. die zur Identifikation eingesetzten Verfahren und die Dokumentations- und Aufbewahrungspflichten. Sofern hier eine Minderung der Sorgfaltspflichten nicht greifen sollte, wären etwa die Emittenten eines Prepaid-Zahlungsmittels zukünftig verpflichtet, eine Kopie der erhaltenen Dokumente und Informationen mindestens für die Dauer von fünf Jahren aufzubewahren (Art. 40 Abs.1 GW-RL). Sämtliche Online-Transaktionen – auch die Zahlung von kleinsten Beträgen – könnten über viele Jahre namentlich nachvollzogen werden.

Eine generelle Identifizierungspflicht würde dazu führen, dass anonymes Einkaufen und Bezahlen im Internet selbst bei Bagatellbeträgen praktisch ausgeschlossen werden. Anonyme Bezahlsysteme im Internet bieten ihren Nutzern jedoch Möglichkeiten, die Risiken eines Missbrauchs ihrer Finanzdaten beispielsweise durch IT-Spionage unter Ausnutzung unzureichend gesicherter IT-Systeme zu minimieren. Zahlreiche Fälle belegen, dass Systeme, in denen zahlungsrelevante personenbezogene Daten gespeichert werden, entsprechenden Angriffen in besonderem Maße ausgesetzt sind. Durch die Verpflichtung zur namentlichen Nutzer-Identifikation und die damit verbundenen Speicherungspflichten würden diesen Angriffen neue Ziele geboten.

Anonyme Bezahlmöglichkeiten im Internet sind zugleich ein wichtiger Baustein, um die Möglichkeit zum anonymen Medienkonsum zu erhalten, da Online-Medien, Apps und Spiele zunehmend gegen Bezahlung angeboten werden. Auf jeden Fall muss verhindert werden, dass detaillierte personenbeziehbare Nutzungsdaten – etwa bei Streaming-Diensten – immer dann entstehen, wenn eine Nutzung entgeltpflichtig ist. Die datenschutzfreundliche, dem Grundsatz der Minimierung entsprechende, Gestaltung interaktiver Dienste setzt insofern voraus, dass anonyme Bezahlmöglichkeiten bei Klein- und Kleinstbeträgen möglich bleiben.

Schließlich wäre bei der vorgeschlagenen Neuregelung zu befürchten, dass Nutzer, die weiterhin einer lückenlosen Registrierung entgehen wollen, auf Online-Bezahlverfahren ausweichen, die keinerlei wirksamen Regulierung unterliegen. Ein solches Förderprogramm international verfügbarer unkontrollierbarer Transaktionsplattformen würde letztlich die Geldwäsche und die Terrorismusfinanzierung erleichtern und nicht unterbinden. Die gegen die Umgehung des EU-Rechts gerichtete Regelung im Kommissionsvorschlag (neuer Art. 12 Abs. 3) dürften schon deshalb weitgehend leer laufen, weil sie die Geldinstitute zur lückenlosen und detaillierten Prüfung der Zulassungsvoraussetzungen für Drittstaats-Dienste verpflichten würde, was aus hiesiger Sicht unrealistisch erscheint. Der Ausschluss einzelner aus Drittstaaten angebotener Dienste (Blacklisting) würde diese Anforderung nur unzureichend erfüllen.

Unzulässige Vorratsdatenspeicherung

Unter Berufung auf den legitimen Zweck der Geldwäsche-Richtlinie, nämlich der Verhinderung der Nutzung des Finanzsystems zum Zwecke der Geldwäsche und der Terrorismusfinanzierung, würden durch den vorgesehenen Wegfall anonymer Online-Bezahlmöglichkeiten anlasslos massenhaft personenbezogene Daten erfasst, die mit derartigen Praktiken in keinerlei Zusammenhang stehen.

Eine derartige anlass- und schwellenlose Identifikations- und Speicherungsverpflichtung widerspricht den Vorgaben der Europäischen Grundrechtecharta. Dies ergibt sich aus dem Urteil des Europäischen Gerichtshofs, mit dem er die Richtlinie 2006/24/EG zur Vorratsspeicherung von Telekommunikationsdaten annullierte (Urteil v. 8. April 2014, C‑293/12 u. C‑594/12).

Der EuGH stellte fest, dass eine solche Verpflichtung zur Datenspeicherung in Art. 8 der Charta eingreift, der das Grundrecht auf Datenschutz garantiert. Eine solche Einschränkung von Grundrechten dürfe nur unter Wahrung des Grundsatzes der Verhältnismäßigkeit vorgenommen werden. Gesetzliche Vorgaben zur Datenspeicherung sind nur zulässig, soweit sie den von der Union anerkannten dem Gemeinwohl dienenden Zielsetzungen tatsächlich entsprechen, erforderlich und verhältnismäßig sind. Die obligatorische Datenspeicherung darf nicht die Grenzen dessen überschreiten, was zur Erreichung dieser Ziele geeignet und erforderlich ist und muss sich auf das absolut Notwendige beschränken.

Der EuGH bemängelte, dass sich die Richtlinie 2006/24 generell auf alle Personen und alle elektronischen Kommunikationsmittel erstreckte, „ohne irgendeine Differenzierung, Einschränkung oder Ausnahme anhand des Ziels der Bekämpfung schwerer Straftaten vorzusehen.“ Sie betreffe „zum einen in umfassender Weise alle Personen, …, ohne dass sich jedoch die Personen, deren Daten auf Vorrat gespeichert werden, auch nur mittelbar in einer Lage befinden, die Anlass zur Strafverfolgung geben könnte. Sie gilt also auch für Personen, bei denen keinerlei Anhaltspunkt dafür besteht, dass ihr Verhalten in einem auch nur mittelbaren oder entfernten Zusammenhang mit schweren Straftaten stehen könnte.“ Die annullierte Richtlinie verlangte „keinen Zusammenhang zwischen den Daten, deren Vorratsspeicherung vorgesehen war, und einer Bedrohung der öffentlichen Sicherheit; insbesondere beschränkt sie die Vorratsspeicherung weder auf die Daten … eines bestimmten Personenkreises, der in irgendeiner Weise in eine schwere Straftat verwickelt sein könnte, noch auf Personen, deren auf Vorrat gespeicherte Daten aus anderen Gründen zur Verhütung, Feststellung oder Verfolgung schwerer Straftaten beitragen könnten.“ Das Gericht stellte deswegen fest, dass die angegriffene RL zur Vorratsdatenspeicherung unverhältnismäßig in das durch Art. 8 EuGrCh garantierte Grundrecht auf Datenschutz eingriff und deshalb ungültig war.

Diese Kritik lässt sich auf die von der Kommission mit der Änderung der GW-RL verfolgte generelle Identifikationspflicht bei Online-Transaktionen übertragen. Auch die Neuregelung betrifft sämtliche Fälle, völlig unabhängig von einem damit verbundenen Risiko. Die dabei erfassten Daten beschränken sich nicht auf Personen, „die auch nur mittelbar in einer Lage befinden, die Anlass zur Strafverfolgung geben könnte,“ wie der EuGH in seinem Vorratsdaten-Urteil ausführt. Zudem sind – wie bei der Vorratsspeicherung von Telekommunikationsdaten – die Zwecke, zu denen die Daten verwendet werden dürfen, nicht hinreichend präzise gefasst und die Stellen, die auf die Daten zugreifen können, nicht hinreichend genau bestimmt. Im Ergebnis ist deshalb festzustellen, dass die vorgesehenen Änderungen zur Europarechtswidigkeit der GW-RL führen würden.

Eine durch EU-Recht festgelegte generelle Identifikationspflicht wäre auch nicht vereinbar mit dem durch das Grundgesetz garantierte Recht auf informationelle Selbstbestimmung. In seinem Urteil zur Vorratsdatenspeicherung von Telekommunikationsdaten v. 2. März 2010 (1 BvR 256/08) hat das Bundesverfassungsgericht gemahnt, dass Gesetze, die auf eine möglichst flächendeckende vorsorgliche Speicherung aller für die Strafverfolgung oder Gefahrenprävention nützlichen Daten zielen, mit der Verfassung unvereinbar sind.

Fehlende Kompatibilität mit dem neuen EU-Datenschutzrecht

Die Europäische Kommission ist der Auffassung, dass ihre Vorschläge konsistent mit dem neuen EU-Rechtsrahmen für den Datenschutz seien, namentlich mit der Datenschutzgrundverordnung 2016/679 (DS-GVO) und der Datenschutzrichtlinie für Polizei und Justiz 2016/680 (DS-JI-RL). An dieser Aussage sind erhebliche Zweifel angebracht.

Entsprechend der Vorgaben in Art. 8 EUGrCh folgt die Datenschutzgrundverordnung dem Grundsatz der Datenminimierung. Die personenbezogenen Daten müssen dem Zweck angemessen und erheblich sowie auf das für die Zwecke der Verarbeitung notwendige Maß beschränkt sein. Zudem müssen die Daten in einer Form gespeichert werden, die die Identifizierung der betroffenen Personen nur so lange ermöglicht, wie es für die Zwecke, für die sie verarbeitet werden, erforderlich ist (Art. 5 Abs. 1 DS-GVO). Zwar ist die Verarbeitung personenbezogener Daten für die Erfüllung rechtlicher Verpflichtungen zulässig, denen der Verantwortliche unterliegt, namentlich für die Wahrnehmung einer Aufgabe im öffentlichen Interesse (Art. 6 Abs.1 c,e DS-GVO). Die entsprechenden Rechtsvorschriften müssen jedoch ebenfalls den Vorgaben der Grundrechtecharta genügen und insbesondere in einem angemessenen Verhältnis zu dem verfolgten legitimen Zweck stehen.

Der Vorschlag, die Emittenten von für Online-Transaktionen geeignetem E-Geld zur namentlichen Identifikation der Nutzer zu verpflichten, unabhängig von irgendwelchen Risiken oder Schwellenwerten, und die Identifikationsdaten und die getätigten Transaktionen für mindestens 5 Jahre aufzubewahren, widerspricht den im neuen EU-Datenschutzrecht festgelegten Geboten der Verhältnismäßigkeit und der Datenminimierung.

Der Vorschlag ist auch im Hinblick auf die Datenschutz-Richtlinie für Polizei und Justiz problematisch. Die DS-JI-RL verpflichtet die Mitgliedstaaten zum Schutz der Grundrechte und Grundfreiheiten natürlicher Personen, insbesondere deren Recht auf Schutz personenbezogener Daten (Art. 1 Abs. 2 a DS-JI-RL). Hierfür legt sie Mindestanforderungen fest. Jedoch hindert sie die Mitgliedstaaten nicht daran, bei der Verarbeitung personenbezogener Daten durch die zuständigen Behörden Garantien festzulegen, die strenger sind als die Garantien der DS-JI-RL. Insbesondere dürfe die Angleichung der Rechtsvorschriften der Mitgliedstaaten nicht zu einer Lockerung des Schutzes personenbezogener Daten in diesen Ländern führen (EG 15 DS-JI-RL).

Möglichkeiten, über die datenschutzrechtlichen Vorgaben der DS-JI-RL im Sinne eines effektiven Grundrechtsschutzes hinauszugehen, sind in Deutschland geboten, weil der deutsche Gesetzgeber an die strikten Vorgaben des Bundesverfassungsgerichts zum informationellen Selbstbestimmungsrecht gebunden ist, die dieses im Volkszählungsurteil von 1983 entwickelt und seither in einer Vielzahl von Entscheidungen fortgeschrieben hat. Von daher ist es zwingend, dass der deutsche Gesetzgeber von den in § 12 GW-RL vorgesehenen Möglichkeiten Gebrauch macht, entsprechend des dort vorgesehenen risikobezogenen Ansatzes von einer generellen Identifikationspflicht der Nutzer von Online-Payments abzusehen, indem er insbesondere Schwellenwerte festlegt, unterhalb derer keine Verpflichtung zur namentlichen Registrierung besteht.

Wenn den Mitgliedstaaten die Möglichkeit genommen würde, bestimmte für Online-Transaktionen geeignete E-Geldprodukte mit niedrigem Risikopotential von der Identifikationspflicht auszunehmen, wäre dem deutschen Gesetzgeber eine verfassungskonforme Umsetzung der GW-Richtlinie nicht mehr möglich.

EU-Datenschutz: Nach der Reform beginnt die Arbeit

(Anm. d. Verf.: Die Ergebnisse des Trilogs und Synopse der Positionen der EU-Gremien  sind abrufbar unter  http://www.emeeting.europarl.europa.eu/committees/agenda/201512/LIBE/LIBE%282015%291217_1/sitt-1739884)

Das von den Vertretern der EU-Institutionen (Europäisches Parlament, Kommission und Rat) am 15. Dezember 2015 erzielte Verhandlungsergebnis zum Datenschutz-Reformpaket ist ein wichtiger Meilenstein auf dem Weg in die globale Informationsgesellschaft: Statt 28 unterschiedlicher Datenschutzgesetze der Mitgliedstaaten gibt es zukünftig ein gemeinsames Datenschutzgesetz, die „Datenschutzgrundverordnung“ (DSGVO). Beachten müssen es nicht nur die hier ansässigen Unternehmen, sondern auch Konzerne, die ihre Hauptniederlassung außerhalb der EU haben, aber hier geschäftlich tätig sind („Marktortprinzip“ – Art. 3 Abs. 2)). Die Einhaltung der Regeln wird von unabhängigen Datenschutzbehörden überwacht, die sämtlich über dieselben, wirksamen Sanktionsmöglichkeiten verfügen. Bei schweren Verstößen können Sie Bußgelder in Höhe von bis zu 4% des Jahresumsatzes verhängen (Art. 79) – das lässt sich nicht mehr aus der Portokasse bezahlen. Schließlich sind eine Reihe von Versuchen gescheitert, die Datenschutzvorgaben praktisch in letzter Minute in zentralen Punkten abzuschwächen, etwa beim Anwendungsbereich (im Hinblick auf die Definition personenbezogener Daten) oder bei der Zweckbindung. Hier bleibt es bei strengen Regelungen, die Zweckänderungen an sehr enge Bedingungen knüpfen.

Trotzdem gibt es auch Bereiche, in denen das Ergebnis weniger positiv ausfällt als erhofft. So hat sich das EP nicht mit seiner Forderung durchsetzen können, dass die Einwilligung in die Verarbeitung personenbezogener Daten generell explizit erklärt werden muss – lediglich bei den „besonderen Kategorien personenbezogener Daten“ (Art. 9) – etwa über die Gesundheit – wird eine ausdrückliche Einwilligung gefordert, und nicht bloß eine „zweifelsfreie“: (Definition in Art. 2: „’the data subject’s consent‘ means any freely given, specific, informed and unambiguous indication of his or her wishes by which the data subject, either by a statement or by a clear affirmative action, signifies agreement to personal data relating to them being processed;“).

Auch die Regelungen zum Profiling bleiben hinter den Forderungen der Datenschützer zurück, denn die entsprechenden Vorgaben beschränken sich auf solche Profilbildungen, die zu verbindlichen automatisierten Entscheidungen zuungunsten der Betroffenen führen.

Grundsätzliche Kritik richtete sich in den letzten Monaten dagegen, dass durch die Datenschutzgrundverordnung das deutsche Datenschutzniveau abgesenkt werde. Diese Befürchtung trifft nur zum Teil zu, etwa im Hinblick auf die strengeren Datenschutzbestimmungen im Telemediengesetz. Andererseits ist das deutsche Datenschutzniveau gerade hier nur in der Theorie hoch, aber de facto nicht. Das zeigte sich etwa am Beispiel Facebook: Deutsche Datenschutzbehörden sind mit Klagen dagegen gescheitert, Facebook – dessen Europazentrale in Dublin liegt – zur Einhaltung der deutschen Datenschutzbestimmungen zu verpflichten. Das häufig beschworene „hohe deutsche Datenschutzniveau“ blieb hier also reine Theorie. In Zukunft gilt aber: Jedes Unternehmen, das in Europa Geschäfte macht, muss sich an die einheitlichen europäischen Datenschutzregeln halten. Das ist ein echter Fortschritt, auch wenn die gemeinsamen europäischen Regeln in bestimmten Bereichen hinter dem nationalen Recht zurückbleiben. Zudem gibt es andere Bereiche – etwa das Melderecht – in denen die neue EU-Regelung strenger ist als der deutsche Gesetzgeber. Die voraussetzungslose Datenweitergabe der zwangsweise erhobenen Melderegisterdaten an jedermann ist mit der Datenschutzgrundverordnung nicht vereinbar und muss beendet werden.

Licht und Schatten gibt es schließlich auch bei der Bestimmung über die betrieblichen bzw. behördlichen Datenschutzbeauftragten. Einerseits verpflichtet Art. 35 staatliche Stellen und solche Unternehmen, deren Kerngeschäft in der Überwachung oder der Bewertung personenbezogener Daten besteht – etwa Auskunfteien – oder in der Verarbeitung von sensiblen Daten (etwa Gesundheitsdaten oder genetischen Informationen), zu Bestellung eines internen Datenschutzbeauftragten. Allerdings wurden die deutlich strengeren Vorgaben des deutschen BDSG nicht in die DSGVO übernommen. Der beschlossene Text enthält aber eine Öffnungsklausel, die es dem deutschen Gesetzgeber ermöglicht, an der weitergehenden Bestellungspflicht betrieblicher Datenschutzbeauftragter festzuhalten. (Art. 35 (4): „In cases other than those referred to in paragraph 1, the controller or processor or associations and other bodies representing categories of controllers or processors may or, where required by Union or Member State law shall, designate a data protection officer. …“

Auch wenn, wie zu erwarten, die nun beschlossenen Bestimmungen – neben der Datenschutzgrundverordnung auch die Datenschutzrichtlinie für Polizei und Justiz (JI-Richtlinie) – demnächst das formelle EU-Gesetzgebungverfahren passieren, bleibt auf europäischer und auf nationaler Ebene bis zu deren Inkrafttreten 2018 viel zu tun: In der EU muss die Kompatibilität anderer europarechtlicher Vorschriften mit der Grundverordnung überprüft werden. Dies gilt insbesondere für die Datenschutzrichtlinie zur elektronischen Kommunikation („ePrivacy-Richtlinie“). Die Regierungen und Parlamente der Mitgliedstaaten sind gehalten, das nationale Recht zu durchforsten. Dies gilt insbesondere für Deutschland mit seinen vielen bereichsspezifischen Datenschutzbestimmungen. Viele müssen überarbeitet werden, manche müssen wegfallen. Eine besondere Aufgabe kommt auf den Bundestag in Sachen Beschäftigtendatenschutz zu. Art. 82 DSGVO enthält die Möglichkeit, den Umgang mit Beschäftigtendaten detailliert zu regeln. („Member States may, by law or by collective agreements, provide for more specific rules to ensure the protection of the rights and freedoms in respect of the processing of employees‘ personal data in the employment context, …“). Bund und Länder müssen sich zudem mit der Frage auseinandersetzen, inwieweit die gesetzlichen Bestimmungen für Polizei und Justiz den Vorgaben der JI-Richtlinie angepasst werden müssen. Schließlich müssen Unternehmen und öffentliche Stellen ihre Praxis an die neuen Bestimmungen anpassen. Neue Prozesse müssen initiiert, bestehende Verfahren müssen geändert werden …

Die Europäische Akademie für Informationsfreiheit und Datenschutz (EAID) wird sich in den kommenden Jahren schwerpunktmäßig mit den Auswirkungen der neuen EU-Datenschutzregelungen beschäftigen. Für 2016 planen wir Workshops für Entscheider in Wirtschaft, Politik und Verwaltung zur Umsetzung der EU-Bestimmungen und zur Identifizierung des Reformbedarfs im nationalen Recht.

Mit freundlichen Grüßen, Peter Schaar

EU-Datenschutzreform nicht scheitern lassen!

Auch im jetzt zu Ende gehenden Jahr 2013 war die europäischen Datenschutzreform eines der wichtigsten Themen der internationalen Datenschutzdiskussion. Leider ist die Meinungsbildung in den Gremien der Europäischen Union nicht so vorangeschritten, wie dies die Initiatoren und Befürworter des ambitionierten Reformvorhabens gehofft hatten.

Zwar hat sich das Europäische Parlament nach langem, kontrovers geführten Debatten auf einen gemeinsamen Standpunkt geeinigt – der Innen- und Rechtsausschuss des EP (das sogenannte LIBE-Komitee) verabschiedete im Oktober 2013 eine entsprechende Erschließung nahezu einstimmig. Wesentlich schwieriger gestaltet sich allerdings die Meinungsbildung im Rat, in dem die Vertreter der Regierungen der Mitgliedstaaten zusammenwirken. Nur wenn sowohl das Europäische Parlament als auch der Rat dem zustimmen, kann das Reformpaket in Kraft treten.

Die Vorschläge des Europäischen Parlaments enthalten eine Reihe von positiven Elementen, die sich vor allem von den inzwischen im Rat diskutierten Positionen abheben:

  • Datenübermittlungen an ausländische Behörden und Gerichte sollen nur noch auf der Basis von Rechtshilfeabkommen oder internationalen Vereinbarungen bei voller Transparenz gegenüber den Datenschutzbehörden erlaubt sein. Damit würde der Datenschutz beispielsweise gegenüber ausländischen Geheimdiensten deutlich gestärkt.
  • Die Einwilligung soll weiterhin eine zentrale Rolle bei der Verarbeitung personenbezogener Daten spielen. Anders als im Rat diskutiert, soll nur eine ausdrücklich erteilte Einwilligung wirksam sein. Der Zugang zu Dienstleistungen oder die Durchführung von Verträgen sollen nicht davon abhängig gemacht werden dürfen, dass die Betroffenen in eine Datenverarbeitung zu ganz anderen Zwecken einwilligen.
  • Die Betroffenen sollen ihre Rechte leichter wahrnehmen können, indem sie auf einfache und standardisierte Art über die Verarbeitung ihrer personenbezogenen Daten informiert werden.
  • Jeder soll grundsätzlich das Recht bekommen, einer Bildung von Profilen widersprechen zu können, auf deren Basis  seine Persönlichkeit automatisiert Datenverarbeitung bewertet wird.
  • Ein differenziertes und wirksames Sanktionssystem soll gewährleisten, dass die Datenschutzbehörden dem Schweregrad der Verstöße entsprechend angemessen reagieren können.
  • Behördliche und betriebliche Datenschutzbeauftragter sollen nicht nur auf freiwilliger Basis sondern verpflichtend benannt werden, wenn personenbezogene Daten in großem Umfang verarbeitet werden oder von der Datenverarbeitung besondere Risiken ausgehen.

Zwar kann es nicht verwundern, dass die britische Regierung sich bei der Zustimmung zu den Reformvorschlägen sehr zurückhält. Überraschend und aus meiner Sicht nicht hinnehmbar ist es aber, dass auch die Bundesregierung bisher nicht zu den treibenden Kräften der Reform gehörte, sondern im Bremserhäuschen Platz genommen hat. Während einerseits in eher allgemeiner Form Zustimmung signalisiert wird, etwa durch Bundeskanzlerin Angela Merkel, wird bei den Fachdebatten um die einzelnen Artikel soviel Sand ins Getriebe gestreut, dass der Reformprozess zu scheitern droht.

Zwar gibt es auf EU-Ebene – anders als in Deutschland – keine strenge „Diskontinuitätsregel“, wonach vor Abschluss der Legislaturperiode nicht zu Ende gebrachte Gesetzesvorhaben nach einer Wahl nicht fortgesetzt und gegebenenfalls von vorne begonnen werden müssen. Trotzdem ist kaum anzunehmen, dass ein neu gewähltes Europäisches Parlament und eine neu zusammengesetzte Europäische Kommission dort weitermachen werden, wo die jeweiligen Vorgänger wegen des Wahltermins abbrechen mussten. Es steht sogar in den Sternen, ob das Ende Mai 2014 neu gewählte Parlament und die neue Kommission das Vorhaben nach einem etwaigen Scheitern in dieser Legislaturperiode überhaupt fortführen werden.

Die neu zusammengesetzte Bundesregierung und die sie tragenden Parteien sollten die Zeichen der Zeit erkennen und sich für eine schnelle Verabschiedung zumindest der Datenschutz-Grundverordnung noch vor den Wahlen zum EP einsetzen. Für die Datenschutz-Richtlinie, die gemeinsame Regeln für die europäischen Strafverfolgungs- und Polizeibehörden festlegen soll, ist der Zug angesichts der noch weiter auseinander liegenden Positionen der Mitgliedstaaten vermutlich schon abgefahren. Es ist zu hoffen, dass der Datenschutz-Grundverordnung nicht das selbe Schicksal bevorsteht.

Ihr

Peter Schaar