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EU-Datenschutz versus Medien- und Informationsfreiheit

Von Alexander Dix und Peter Schaar
– Bericht über eine Veranstaltung der Europäischen Akademie für Informationsfreiheit und Datenschutz am 1. Dezember 2016 in Berlin – für die Zeitschrift für Datenschutz
Seit jeher gibt es im Datenschutzrecht Sonderregeln für Medienunternehmen (z.B: das Medienprivileg im geltenden BDSG), die für einen Ausgleich zwischen den Grundrechten auf Datenschutz und Meinungs- bzw. Medienfreiheit sorgen sollen. Die mit der Medienfreiheit eng zusammenhängende Informationsfreiheit hat durch die Informationsfreiheitsgesetzgebung ebenfalls größere Bedeutung erlangt. Wie sind diese konkurrierenden Grundrechte in der Datenschutz-Grundverordnung zu einander in Beziehung gesetzt worden und welche Hausaufgaben haben die nationalen Gesetzgeber hier zu erledigen ?      Weiterlesen

Public Reporting im Gesundheitswesen: Datenmonopole darf es nicht geben

Das folgende Interview habe ich für das „Spotlight Gesundheit“ (Januar 2016) der Bertelsmann-Stiftung gegeben (Interviewer war Dr. Stefan Etgeton)
Drei Fragen zum Public Reporting im Gesundheitswesen
an den ehemaligen Bundesbeauftragten für Datenschutz und
Informationsfreiheit Peter Schaar

Frage: Ist es legitim, Anbieter im Gesundheitswesen einer öffentlichen Rechenschaftspflicht zu unterwerfen?

Schaar: Selbstverständlich. Die Bereitstellung einer effektiven Gesundheitsversorgung gehört zu den sozialen Mindeststandards, die nach der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte universell zu garantieren sind. Insofern ist die öffentliche Kontrolle darüber, wie Gesundheitsdienstleistungen erbracht werden, erforderlich. Transparenz erleichtert zudem dem medizinische Hilfe suchenden Menschen, sich in voller
Kenntnis der Chancen, Risiken und Kosten für oder gegen eine Therapie
zu entscheiden.
Frage: Wie verträgt es sich mit der Rechenschaftspflicht, dass Daten im Gesundheitswesen zu einem von den Akteuren monopolisierten Gut geworden sind?
Schaar: Gesundheitsdatenmonopole darf es nicht geben. Das gilt für die Qualitätskontrolle genauso wie für die verursachten Kosten. Zudem sind Ärzte, Krankenhäuser und andere Gesundheitsdienstleister gegenüber ihren Patienten rechenschaftspflichtig. Der Anspruch auf Auskunft über die zur eigenen Person gespeicherten Daten gehört zudem zu den unabdingbaren Datenschutzrechten. Wer den Betroffenen entsprechende Angaben vorenthält, handelt rechtswidrig.
Frage: Wenn Patienten die eigentlichen Eigner der Gesundheitsdaten sind, diese also quasi ein öffentliches Gut darstellen – wie lassen sich Datenschutz und Informationsfreiheit hier in Einklang bringen?
Schaar: Mit der aus dem amerikanischen Rechtsraum stammenden Ansicht, Daten als Eigentumstitel zu betrachten, kann ich mich nicht anfreunden. Sie führt dazu, dass die Daten»eigner« meinen, mit den Daten frei hantieren, sie unbegrenzt nutzen oder verkaufen zu können. Unser europäisches Rechtsverständnis sieht in dem Schutz der persönlichen Daten ein Grundrecht – Eingriffe sind nur auf Basis einer expliziten gesetzlichen Erlaubnis oder der ausdrücklichen Einwilligung des Betroffenen zulässig. Deshalb sind die personenbezogenen Gesundheitsdaten auch kein »öffentliches Gut«. Anders sieht es mit anonymen Gesundheitsdaten aus: Wofür eine Klinik ihr Geld ausgibt, wie hoch die Komplikationsrate ist und welche Therapien angeboten werden, sollte öffentlich gemacht werden. Das verhindert der Datenschutz nicht.

Mehr Transparenz im Geheimen!

Das vom Deutschen Bundestag im Sommer 2005 kurz vor Toresschluss mit Mehrheit der seinerzeitigen rot-grünen Koalition beschlossene Informatinsfreiheitsgesetz enthält einen blinden Fleck: Die Geheimdienste. § 3 IFG nimmt die Nachrichtendienste ausdrücklich vom gegenüber allen Bundesbehörden bestehenden Anspruch auf Informationen aus. Während also jedermann – ohne Nachweis einer persönlichen Betroffenheit – vom Verkehrsministerium, dem Bundeskanzleramt und auch von der Bundespolizei Einblick in deren Akten oder den Zugang zu elektronisch gespeicherten Daten verlangen kann, besteht ein solcher Anspruch nicht gegenüber den Nachrichtendiensten. Sicher – auch ansonsten werden viele Anträge auf Informationszugang abgelehnt – aber jede Ablehnung muss begründet werden und die Antragsteller können die ablehnenden Entscheidungen gerichtlich überprüfen lassen – in vielen Fällen mit Erfolg. Bei den Nachrichtendiensten – dem Bundesamt für Verfassungsschutz, dem Bundesnachrichtendienst und dem Militärischen Abschirmdienst – hätten sie auch vor Gericht keinen Erfolg, denn hier greift die einzige „Bereichsausnahme“ des IFG: Hier und nur hier laufen Informationsbegehren stets gegen die Wand.

Warum enthält das deutsche Informationsfreiheitsgesetz – anders als etwa der US-amerikanische Freedom of Information Act – eine solche generelle Ausnahmebestimmung gegen die Transparenz von Geheimdiensten? Als das Gesetz formuliert wurde, bestanden das von Otto Schily geführte Bundesinnenministerium und das Bundeskanzleramt Gerhard Schröders darauf. Ohne den Welpenschutz für die Geheimdienste hätte es kein Informationsfreiheitsgesetz gegeben.

Es ist an der Zeit, diesen besonderen Schutzschirm für die Geheimdienste endlich einzuklappen. Seitdem der Bundestags-Untersuchungsausschuss zur NSA-Affäre immer mehr Einzelheiten über die Verwicklung deutscher Geheimdienste in die globalen Überwachungsaktivitäten ans Licht bringt, wird immer deutlicher, dass hier vor allem zwei Dinge nötig sind: Mehr Transparenz und bessere rechtsstaatliche Kontrolle. Ein erster Schritt könnte darin bestehen, endlich die generelle Ausnahmeregelung im IFG für die Geheimdienste zu streichen. Dort, wo vitale Sicherheitsinteressen entgegenstehen, müssten die Dienste auch dann keine Interna herausgeben – das mag man bedauern oder auch nicht. Trotzdem ginge von einer solchen Änderung das wichtige Signal aus, dass sich auch deutsche Geheimdienste innerhalb unserer Rechtsordnung bewegen. Es würde klargestellt, dass sie sich nicht mit irgendwelchen abstrusen Konstruktionen wie der „Weltraumtheorie“ der Geltung der Grundrechte des Grundgesetzes und der Gesetze entziehen können – nach dieser offenbar vom BND vertretenen Theorie gilt das Grundrecht auf Fernmeldegeheimnis nicht für im Ausland gesammelte Telekommunikationsdaten und für den Datentransit durch Deutschland, soweit keine deutschen Teilnehmer betroffen sind.

Der Bundestag hat es in der Hand, dieses Signal zu setzen, und er sollte dies tun.

Mit freundlichen Grüßen

Peter Schaar

Informationsfreiheit: Was 2014 ansteht

Die Transparenz staatlichen Handelns bleibt auch im neuen Jahr ein Thema. Ob beim Umgang mit öffentlichen Mitteln, bei der Bankenaufsicht oder im Hinblick auf staatliche Überwachungsmaßnahmen: Geheimniskrämerei ist nicht gut für die Demokratie und sie behindert die rechtsstaatliche Kontrolle staatlichen Handelns. Transparenz ist ohne rechtlich verbu?rgten Informationszugang nicht möglich. Deshalb sind verbindliche rechtliche Anspru?che auf Informationszugang auf der staatlichen und internationalen Ebene erforderlich.

International geht es um die Verankerung der Informationsfreiheit im Völkerrecht, insbesondere durch die Ratifizierung der Tromsö-Konvention des Europarats und den Beitritt weiterer Staaten zur Open-Government-Partnetship:

  • In ihrer Berliner Erklärung vom 20. September 2013 hat die 8. Internationale Konferenz der Informationsfreiheitsbeauftragten zur Stärkung der Transparenz auf nationaler und internationaler Ebene aufgerufen und verlangt die Anerkennung eines Menschenrechts auf Informationszugang im Rahmen der Vereinten Nationen. Anknüpfungspunkt eines solchen vökerrechtlichen Anspruchs könnte Artikel19 des Internationalen Pakts u?ber bu?rgerliche und politische Rechte (Zivilpakt, ICCPR) sein, der festlegt, dass alle Menschen ungehinderte Meinungsfreiheit genießen sollen, einschließlich der Freiheit, sich u?ber Staatsgrenzen hinweg Informationen zu beschaffen, zu empfangen und weiterzugeben
  • Die Chance besteht, dass 2014 die Konvention des Europarats u?ber den Zugang zu amtlichen Dokumenten vom 18. Juni 2009 (Tromsö-Konvention)  , das erste verbindliche internationale Rechtsinstrument wird, in dem Regelungen fu?r das Recht auf Informationszugang bei staatlichen Stellen völkerrechtlich verbindlich getroffen werden. Dazu ist es allerdings notwendig, dass mindestens zehn Staaten die Konventioon ratifizieren. Bisher haben dies jedoch erst sechs Staaten getan (Bosnien und Herzegovina, Ungarn, Litauen, Montenegro, Norwegen und Schweden). Die Bundesrepublik Deutschland gehört zu den Staaten, die der Konvention bisher nicht beigetreten sind. Die neue Bundesregierung hätte hier eine gute Chance, die Informationsfreiheit auf internationaler Ebene ein gutes Stück voran zu bringen.
  • Deutschland ist bisher auch kein Mitglied er Open Government Partnership (OGP), in der sich die teilnehmenden Staaten verpflichten, verbindliche Regeln zur Transparenz und bürgernahen Politik zu schaffen und einzuhalten. Immerhin hat die Große Koalition vereinbart, dass Deutschland der OGP beitreten soll. Dieser Ankündigung müssen bald Taten folgen. Es ist zu hoffen, dass der zuständige Bundesinnenminister hier konkrete Schritte unternimmt.
  • Auch Geheimdienste dürfen sich dem Anspruch auf Transparenz nicht verweigern. Gerade weil ihre Tätigkeit tief in Grundrechtspositionen der Bu?rgerinnen und Bu?rger eingreift, ist auch hier eine öffentlich nachvollziehbare rechtsstaatliche Kontrolle erforderlich. Damit ist es nicht zu vereinbaren, diesen Bereich gänzlich vom Recht auf Zugang auf Informationen auszunehmen, wie dies etwa im Informationsfreiheitsgesetz des Bundes geschieht.

Aber auch in Deutschland bleibt viel zu tun, um Transparenz staatlichen Handelns zu verbessern, wie etwa die Konferenz der Informationsfreiheitsbeauftragten kürzlich festgestellt hat:

  • Der Anspruch auf freien Zugang zu amtlichen Informationen gehört in das Grundgesetz und in die Landesverfassungen. Nur so lässt sich gewährleisten, dass der Informationszugangsanspruch in der Abwägung mit konkurrierenden Rechtsgütern – etwa dem Schutz von Betriebs- und Geschäftsgeheimnissen – nicht auf der Strecke bleibt.
  • Die immer noch bestehenden weißen Flecken auf der Landkarte der Informationsfreiheit – in Baden-Württemberg, Bayern, Hessen, Niedersachsen und Sachsen gibt es immer noch keine Informationsfreiheitsgesetze – müssen endlich geschlossen werden. Die Landesregierungen und -parlamente sollten dabei die Chance nutzen, direkt zu den Ländern mit fortschrittlichen Transparenzregeln – etwa Hamburg – aufzuschließen und sich nicht mit einer Minimallösung begnügen.
  • Die Informationsfreiheitsgesetze des Bundes und der Länder sollten im Sinne eines Transparenzgesetzes mit umfassenden Veröffentlichungspflichten nach den Open-Data-Grundsätzen weiterentwickelt werden.
  • Aus der im Auftrag des Bundestags erfolgten Evaluation des Bundesinforma-tionsfreiheitsgesetzes müssen die notwendigen Konsequenzen gezogen werden. Dabei sollten die zahlreichen Ausnahmeregelungen auf das verfassungsrechtlich zwingend gebotene Maß begrenzt werden.
  • Menschen, die über Rechtsverstöße und Missstände im öffentlichen und nicht-öffentlichen Bereich berichten (Whistle Blower), müssen entdlich auch in Deutschland effektiv vor Diskriminierung und Strafverfolgung geschützt werden.

Für diejenigen, die sich ernsthaft für mehr Transparenz einsetzen, gibt es also allerhand zu tun. Packen wir es an!

Ihr
Peter Schaar

Datenschutz und Informationsfreiheit: Herausforderungen für die Zivilgesellschaft

Nach genau zehn Jahren bin ich gestern aus dem Amt des Bundesbeauftragten für den Datenschutz und die Informationsfreiheit ausgeschieden. Wie ich bereits in meinem letzten „offiziösen“ Blogpost angekündigt hatte, melde ich mich nun an dieser Stelle zurück. Die neue Heimat für meinen Blog ist die Website der Europäischen Akademie für Informationsfreiheit und Datenschutz (EAID), deren Vorsitz ich kürzlich übernommen habe (um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: es handelt sich dabei um eine ehrenamtliche Aufgabe).

Die Themen werden mir dabei gewiss nicht ausgehen: Die von der neuen Koalition  angekündigte Wiedereinführung der Vorratsdatenspeicherung, die umfassende Kommunikationsüberwachung durch Nachrichtendienste, das ungewisse Schicksal der EU-Datenschutzreform und die Zukunft der Informationsfreiheit bieten genug Diskussionsstoff.

Datenschutz – dasselbe gilt für die Informationsfreiheit – sind entscheidende Zukunftsfragen unserer Gesellschaft. Leider ist diese Botschaft noch nicht überall angekommen. So finden sich die Begriffe „Datenschutz“ und „Informationsfreiheit“ an verschiedenen Stellen des Koalitionsvertrags der großen Koalition. Ein Gesamtkonzept für den Grundrechtsschutz in die Informationsgesellschaft vermag ich allerdings nicht zu erkennen. Das Bekenntnis der Koalitionäre zur Vorratsdatenspeicherung werte ich als negatives Vorzeichen und das Fehlen von Aussagen zur dringend erforderlichen Reform des Informationsfreiheitsgesetzes (IFG) halte ich für einen großen Fehler.

Ich habe bereits lange vor meinem Ausscheiden aus meinem Amt darauf hingewiesen, dass ich den Datenschutz und die Informationsfreiheit für zu wichtig halte, um ihn den amtlichen Datenschützern zu überlassen. Heute gilt mehr denn je:  Grundrechte fallen nicht vom Himmel und sie werden nicht von einer gnädigen Herrschaft gewährt – sie müssen erkämpft und verteidigt werden. Dabei kommt der vielbeschworenen „Zivilgesellschaft“ entscheidende Bedeutung zu.

Ihr

Peter Schaar

P.S. Ältere Blogposts finden Sie im Forum des Bundesbeauftragten für den Datenschutz und die Informationsfreiheit