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Das neue Big Brother-Gesetz (mit Nachtrag v. 18.5.2017)

Nachtrag v. 18. Mai 2017:

Inzwischen liegt der Bericht des Innenausschusses mit dem Beschlussantrag der Regierungsfraktionen CDU/CSU und SPD zum Online-Abruf der Passfotos aus den kommunalen Personalausweisregistern vor (Drs. 18/12417).

Die Regierungsparteien CDU/CSU und SPD wollen den Kreis der Behörden, die im Rahmen ihrer Aufgabenwahrnehmung die biometrische Lichtbilder jederzeit abrufen können, um die Steurfahndungs- und Zollfahndungsämter erweitern. Eine überzeugende Begründung hierfür wird nicht geliefert.

Auch die für die Verfolgung von Ordnungswidrigkeiten zuständigen Behörden sollen die Daten zeitlich unbeschränkt abrufen. Bedeutsam ist auch die Änderung in den Protokollierungsvorschriften: Nur die abrufenden Stellen haben die Abrufe zu protokollieren. Damit ist es etwa den für die Personalausweisregister zuständigen Datenschutzbehörden nicht mehr möglich nachzuvollziehen, welche Behörde in welchem Umfang Lichtbilder abgerufen haben.

Die vorgesehenen Änderungen senken auf ganzer Linie das Datenschutzniveau Beim Umgang mit biometrische Daten weiter ab.

Die Regelungen sollen nun wie folgt lauten:

§ 22a Absatz 2 wird wie folgt geändert:

a) Satz 1 wird wie folgt gefasst: „Im Fall der Übermittlung von Lichtbildern durch Passbehörden nach § 19 Absatz 1 Satz 1 an die Ordnungsbehörden im Rahmen der Verfolgung von Verkehrsordnungs- widrigkeiten kann der Abruf des Lichtbildes im automatisierten Verfahren erfolgen.

b) Nach Satz 4 werden die folgenden Sätze eingefügt: „Die Polizeibehörden des Bundes und der Länder, der Militärische Abschirmdienst, der Bundesnachrichtendienst, die Verfassungsschutzbehörden des Bundes und der Länder, Steuerfahndungsdienststellen der Länder, der Zollfahndungs- dienst und die Hauptzollämter dürfen das Lichtbild zur Erfül- lung ihrer Aufgaben im automatisierten Verfahren abrufen. Die abrufende Behörde trägt die Verantwortung dafür, dass die Voraussetzungen des Absatzes 1 vorliegen.“

c) Nach dem bisherigen Satz 5 wird folgender Satz eingefügt: „Abrufe nach Satz 5 werden nur von der abrufenden Behörde protokolliert.“

 


Originalbeitrag v. 15. Mai 2017:

In dieser Woche, am 18. Mai 2017 wird der Deutsche Bundestag unter Tagesordnungspunkt 23 über ein höchst problematisches Gesetz entscheiden, das am 27. April schon einmal auf der Tagesordnung stand, dann aber überraschend nicht behandelt wurde. In der Vorlage für ein „Gesetz zur Förderung des elektronischen Identitätsnachweises“ (Drucksache 18/11279 ) befindet sich eine datenschutzrechtliche Ungeheuerlichkeit. Offiziell geht es vor allem darum, dass die heute schon im neuen Personalausweis vorhandene (eID-)Funktion bei der Ausstellung eines neuen Personalausweises grundsätzlich freigeschaltet wird und nicht erst dann, wenn der Ausweisinhaber dies wünscht.

Viel gravierender ist jedoch eine Änderung, die im hinteren Teil des Artikelgesetzes versteckt ist:

Artikel 2 (Weitere Änderung des Personalausweisgesetzes zum 1. Mai 2021) sieht eine dramatische Änderung von § 25 des Personalausweisgesetzes vor. Die Vorschrift soll zukünftig so lauten:

„Die Polizeien des Bundes und der Länder, das Bundesamt für Verfassungsschutz, der Militärische Abschirmdienst, der Bundesnachrichtendienst sowie die Verfassungsschutzbehörden der Länder dürfen das Lichtbild zur Erfüllung ihrer Aufgaben im automatisierten Verfahren abrufen.“

Bisher ist der Online-Abruf der biometrische Lichtbilder gem. dem geltenden § 25 Abs. 2 Personalausweisgesetz nur ausnahmsweise zulässig:

„Die Polizei- und Ordnungsbehörden, die Steuerfahndungsstellen der Länder sowie die Behörden der Zollverwaltung dürfen das Lichtbild zum Zweck der Verfolgung von Straftaten und Verkehrsordnungswidrigkeiten im automatisierten Verfahren abrufen, wenn die Personalausweisbehörde auf andere Weise nicht erreichbar ist und ein weiteres Abwarten den Ermittlungszweck gefährden würde. Zuständig für den Abruf sind die Polizeivollzugsbehörden auf Ebene der Landkreise und kreisfreien Städte, die durch Landesrecht bestimmt werden.“

Diese Beschränkung des Online-Abrufs der Lichtbilder war seinerzeit eingeführt worden, um zu verhindern, dass die obligatorisch in Pässe und Personalausweise aufgenommenen biometrische Gesichtsbilder zur Massenüberwachung genutzt werden. Mit der von der Großen Koalition geplanten Gesetzesänderung fällt diese wichtige Restriktion. Nicht nur die Polizei, sondern praktisch alle Sicherheitsbehörden erhalten zukünftig einen unbeschränkten Zugriff auf die digitalisierten Gesichtsbilder. Einzige Bedingung für den Online-Zugriff auf die Lichtbilddateien ist, dass der Abruf „zur Erfüllung ihrer Aufgaben“ erfolgt. Zu diesen Aufgaben gehört nicht nur die Strafverfolgung oder die Abwehr konkreter Gefahren. Polizeibehörden führen Verkehrskontrollen aus und betreiben Videoüberwachungsanlagen. Nachrichtendienste sind sogar weit im Vorfeld des Vorfeldes einer Gefahr tätig und sind nicht unbedingt dafür bekannt, sich bei der Datenerfassung zurückzuhalten.

Es ist damit zu rechnen, dass die umfassenden Abrufmöglichkeiten längerfristig dazu verwendet werden, im Rahmen der „intelligenten Videoüberwachung“ alle Menschen zu identifizieren, die sich in einem Bahnhof, auf einem Flughafen, in einem Einkaufszentrum oder auf einem öffentlichen Platz aufhalten. Nicht umsonst hat die Große Koalition kürzlich die gesetzlichen Befugnisse zur Videoüberwachung so aufgebohrt, dass die Gewährleistung der Sicherheit grundsätzlich schwerer wiegt als die Wahrung der Persönlichkeitsrechte der Betroffenen. Zusammen mit denen neuen automatischen Zugriffsbefugnissen auf die biometrische Daten wird daraus ein Big Brother-Gesetz.

Mit freundlichen Grüßen

Peter Schaar

Schicksalswoche für den Datenschutz

In dieser Woche beschäftigt sich der Deutsche Bundestag mit einer Reihe von Vorhaben, die große Bedeutung für den Schutz der Privatsphäre und die Gewährleistung des Rechts auf informationelle Selbstbestimmung haben. Gleich fünf gravierende Gesetzesänderungen stehen am 27 April 2017 zur Entscheidung an:

  • Das Datenschutz-Anpassungs- und -Umsetzungsgesetz (Drucksachen 18/11325, 18/11655, 18/11822) soll das deutsche Recht an die Vorgaben der europäischen Datenschutzgrundverordnung anpassen, deren Regelungen am 20. Mai 2018 wirksam werden. Neben einigen notwendigen Rechtsanpassungen enthält der Gesetzentwurf jedoch schwerwiegende Mängel, insbesondere im Hinblick auf die Aufweichung der strikten Zweckbindungsregelungen für öffentliche Stellen, hinsichtlich der Rechte der Betroffenen auf Auskunft und Löschung ihrer Daten und bezüglich der Kontrolle der Datenschutzbehörden bei Daten, die einem besonderen Berufsgeheimnis unterliegen.
  • Durch die Änderung des Bundeskriminalamtsgesetzes (Drucksache 18/11163) soll die polizeiliche Informationsverarbeitung grundlegend umgebaut werden. Formaler Ausgangspunkt ist dabei ein Urteil des Bundesverfassungsgerichts, das von der großen Koalition beschlossene Befugniserweiterungen für das BKA für verfassungswidrig erklärt hatte. Der Gesetzentwurf trägt diesen Bedenken zwar formell Rechnung, weitet die Datenerfassung und den Zugriff der Polizeibehörden allerdings erheblich aus. Im Mittelpunkt steht ein zentrales Datenbanksystem, bei dem bisherige strikte Zweckbindungsregelungen wegfallen oder abgesenkt werden.
  • Das neue Fluggastdatengesetz (Drucksache 18/11501) verpflichtet die Fluggesellschaften und Reiseveranstalter dazu, eine Vielzahl von Informationen (u.a. email-Adressen und Zahlungsinformationen) über ihre Kunden an eine staatliche „Fluggastdatenzentrale“ zu übermitteln, wo sie fünf Jahre lang gespeichert bleiben. Anders als das bisherige System zur obligatorischen Fluggastdatenübermittlung (Advanced Passenger Information System – APIS) beschränkt sich die Datensammlung nicht auf bestimmte Reiserouten oder Zielländer. Die Daten dienen zur Profilbildung, um mögliche Gefährder oder Straftäter zu erkennen. Im Grunde handelt es sich um eine permanente Rasterfahndung sämtlicher Flugpassagiere.
  • Mit dem Gesetz zur Ausweitung des Maßregelrechts bei extremistischen Straftätern (Drucksachen 18/11162 und 18/11584) soll die elektronische Fußfessel erstmals nicht als Alternative zu einer Inhaftierung eingesetzt werden, sondern als Maßnahme zur zur Aufenthaltskontrolle von „extremistischen Gefährdern“ nach einer Verurteilung wegen eines Vergehens im Zusammenhang mit extremistischen bzw. terroristischen Aktivitäten und deren Unterstützung.
  • Mit dem Gesetzes zur Förderung des elektronischen Identitätsnachweises (Drucksache 18/11279 ) sollen die entsprechenden (eID-)Funktionen bei der Ausstellung eines neuen Personalausweises nicht erst dann aktiviert werden, wenn der Ausweisinhaber dies wünscht, sondern grundsätzlich freigeschaltet sein, soweit der Ausweisinhaber nicht widerspricht. Damit soll darauf reagiert werden, dass bei zwei Dritteln der bisher rund 51 Millionen ausgegebenen Ausweise die eID-Funktion deaktiviert blieb.

Speziell die vorgesehenen Neuregelungen im Datenschutzanpassungsgesetz, die im BKA-Gesetz vorgesehene zentrale Datenbank mit umfassenden Nutzungsmöglichkeiten und die fünfjährige Vorratsdatenspeicherung von Daten über Flugpassagiere begegnen erheblichen verfassungsrechtlichen und datenschutzrechtlichen Bedenken. Sie sind sind Ausdruck einer Einstellung, dass Grund- und Freiheitsrechte weniger Wert haben als vermeintliche Sicherheitsgewinne. Es ist abzusehen, dass das Bundesverfassungsgericht und der Europäische Gerichtshof den Gesetzgeber erneut korrigieren müssen.

Mit freundlichen Grüßen, Peter Schaar

Update (27.4.2017) Der Bundestag hat die Abstimmung des Gesetzes zur Förderung des elektronischen Identitätsnachweises (Drucksache 18/11279 ) von der Tagesordnung der heutigen Plenarsitzung genommen. Offenbar waren Abgeordnete der Regierungsfraktionen von kritischen Kommentaren überrascht worden.