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Schicksalswoche für den Datenschutz

In dieser Woche beschäftigt sich der Deutsche Bundestag mit einer Reihe von Vorhaben, die große Bedeutung für den Schutz der Privatsphäre und die Gewährleistung des Rechts auf informationelle Selbstbestimmung haben. Gleich fünf gravierende Gesetzesänderungen stehen am 27 April 2017 zur Entscheidung an:

  • Das Datenschutz-Anpassungs- und -Umsetzungsgesetz (Drucksachen 18/11325, 18/11655, 18/11822) soll das deutsche Recht an die Vorgaben der europäischen Datenschutzgrundverordnung anpassen, deren Regelungen am 20. Mai 2018 wirksam werden. Neben einigen notwendigen Rechtsanpassungen enthält der Gesetzentwurf jedoch schwerwiegende Mängel, insbesondere im Hinblick auf die Aufweichung der strikten Zweckbindungsregelungen für öffentliche Stellen, hinsichtlich der Rechte der Betroffenen auf Auskunft und Löschung ihrer Daten und bezüglich der Kontrolle der Datenschutzbehörden bei Daten, die einem besonderen Berufsgeheimnis unterliegen.
  • Durch die Änderung des Bundeskriminalamtsgesetzes (Drucksache 18/11163) soll die polizeiliche Informationsverarbeitung grundlegend umgebaut werden. Formaler Ausgangspunkt ist dabei ein Urteil des Bundesverfassungsgerichts, das von der großen Koalition beschlossene Befugniserweiterungen für das BKA für verfassungswidrig erklärt hatte. Der Gesetzentwurf trägt diesen Bedenken zwar formell Rechnung, weitet die Datenerfassung und den Zugriff der Polizeibehörden allerdings erheblich aus. Im Mittelpunkt steht ein zentrales Datenbanksystem, bei dem bisherige strikte Zweckbindungsregelungen wegfallen oder abgesenkt werden.
  • Das neue Fluggastdatengesetz (Drucksache 18/11501) verpflichtet die Fluggesellschaften und Reiseveranstalter dazu, eine Vielzahl von Informationen (u.a. email-Adressen und Zahlungsinformationen) über ihre Kunden an eine staatliche „Fluggastdatenzentrale“ zu übermitteln, wo sie fünf Jahre lang gespeichert bleiben. Anders als das bisherige System zur obligatorischen Fluggastdatenübermittlung (Advanced Passenger Information System – APIS) beschränkt sich die Datensammlung nicht auf bestimmte Reiserouten oder Zielländer. Die Daten dienen zur Profilbildung, um mögliche Gefährder oder Straftäter zu erkennen. Im Grunde handelt es sich um eine permanente Rasterfahndung sämtlicher Flugpassagiere.
  • Mit dem Gesetz zur Ausweitung des Maßregelrechts bei extremistischen Straftätern (Drucksachen 18/11162 und 18/11584) soll die elektronische Fußfessel erstmals nicht als Alternative zu einer Inhaftierung eingesetzt werden, sondern als Maßnahme zur zur Aufenthaltskontrolle von „extremistischen Gefährdern“ nach einer Verurteilung wegen eines Vergehens im Zusammenhang mit extremistischen bzw. terroristischen Aktivitäten und deren Unterstützung.
  • Mit dem Gesetzes zur Förderung des elektronischen Identitätsnachweises (Drucksache 18/11279 ) sollen die entsprechenden (eID-)Funktionen bei der Ausstellung eines neuen Personalausweises nicht erst dann aktiviert werden, wenn der Ausweisinhaber dies wünscht, sondern grundsätzlich freigeschaltet sein, soweit der Ausweisinhaber nicht widerspricht. Damit soll darauf reagiert werden, dass bei zwei Dritteln der bisher rund 51 Millionen ausgegebenen Ausweise die eID-Funktion deaktiviert blieb.

Speziell die vorgesehenen Neuregelungen im Datenschutzanpassungsgesetz, die im BKA-Gesetz vorgesehene zentrale Datenbank mit umfassenden Nutzungsmöglichkeiten und die fünfjährige Vorratsdatenspeicherung von Daten über Flugpassagiere begegnen erheblichen verfassungsrechtlichen und datenschutzrechtlichen Bedenken. Sie sind sind Ausdruck einer Einstellung, dass Grund- und Freiheitsrechte weniger Wert haben als vermeintliche Sicherheitsgewinne. Es ist abzusehen, dass das Bundesverfassungsgericht und der Europäische Gerichtshof den Gesetzgeber erneut korrigieren müssen.

Mit freundlichen Grüßen, Peter Schaar

Update (27.4.2017) Der Bundestag hat die Abstimmung des Gesetzes zur Förderung des elektronischen Identitätsnachweises (Drucksache 18/11279 ) von der Tagesordnung der heutigen Plenarsitzung genommen. Offenbar waren Abgeordnete der Regierungsfraktionen von kritischen Kommentaren überrascht worden.

 

Montblanc, der Bundestag und Informationsfreiheit

Die sog. „Monblanc-Affäre“ beschäftigt derzeit die Medien (vgl. etwa den Artikel im Berliner Tagesspiegel).

Die eigentliche Angelegenheit liegt schon mehr als sieben Jahre zurück. Im Jahr 2009 war bekannt geworden, dass Abgeordnete  des Deutschen Bundestags einen Teil ihrer jährlichen Pauschale für die Beschaffung von Bürobedarf  für die Anschaffung von Digitalkameras und wertvoller Schreibgeräte verwendet hatten. In den letzten Tagen nannten Medien die Namen von angeblich betroffenen Abgeordneten und die dabei verausgabten Summen – Angaben, die bisher unter Verschluss gehalten worden waren.

Die umstrittene Beschaffung war schon 2009 Gegenstand eines Antrags auf Informationszugang nach dem Informationsfreiheitsgesetz.

Der Deutsche Bundestag verweigerte den Informationszugang zu den Beschaffungsunterlagen. Die Ablehnung des Antrags erfolgte zunächst unter Hinweis darauf, dass dadurch die Betriebs- und Geschäftsgeheimnisse des Lieferanten betroffen sein könnten. Dieses Argument überzeugte mich als damaligen  Bundesbeauftragten für die Informationsfreiheit nicht, wie in dem 3. Tätigkeitsbericht zur Informationsfreiheit auf Seite 46 nachzulesen ist. Insbesondere erschien es mir fragwürdig, ob der Einzelpreis eines Füllers als Geschäftsgeheimnis des Lieferanten anzusehen sei. Schließlich hatte das Bundesverwaltungsgericht bereits im Jahr 2009 klargestellt, dass kein schutzwürdiges Geheimhaltungsinteresse vorliege, wenn die Offenbarung der Informationen nicht geeignet sei, exklusives kaufmännisches Wissen den Konkurrenten am Markt zugänglich zu machen und so die Wettbewerbsposition des Unternehmens nachhaltig zu beeinflussen.

Auch die daraufhin angerufenen Gerichte – bis hin zum Oberverwaltungsgericht Berlin-Brandenburg – folgten nicht dem Argument, dass hier ein Geschäftsgeheimnis gefährdet sei. Allerdings handele es sich bei den begehrten Informationen um Daten, die in  Zusammenhang mit der Wahrnehmung des Bundestagsmandats stünden (§ 5 Abs. 2 IFG). Die Herausgabe dieser Informationen sei deshalb nur mit Zustimmung der betreffenden Abgeordneten zulässig. Der Bundestag hatte daraufhin alle Abgeordneten der 16. Wahlperiode angeschrieben und für den Fall, dass Sie ein oder mehrere Schreibgeräte bzw. Digitalkameras bestellt hätten, um ihr Einverständnis zur Herausgabe der entsprechenden Dokumente aus den Akten ersucht. Lediglich drei der 620 Mitglieder des Deutschen Bundestages hatten sich seinerzeit mit der Weitergabe dieser Informationen einverstanden erklärt.

Die jetzige Diskussion macht deutlich, dass die zahlreichen Ausnahmebestimmungen des Informationsfreiheitsgesetzes auf den Prüfstand gehören. Dazu gehören auch die sehr weit gehenden Privilegierungen der Mitglieder des Deutschen Bundestages und seiner Gremien. So unverzichtbar es ist, den Kernbereich der parlamentarischen Tätigkeit vor Ausforschung zu schützen, so notwendig ist es aber auch, dass Angaben, die in keinem direkten Zusammenhang mit der parlamentarischen Meinungsbildung stehen, in stärkerem Maße als bisher  transparent gemacht werden. Dazu gehören etwa die Kosten von Delegationsreisen ins Ausland oder eben auch die Verausgabung von Sachmitteln. Es bleibt abzuwarten, ob der Deutsche Bundestag, der im nächsten Jahr neu gewählt wird, die Kraft dazu aufbringt, auch in eigener Sache für mehr Durchblick zu sorgen.

 

Bundesverfassungsgericht zum BKA-Gesetz: Grundrechte gelten auch angesichts terroristischer Gefahren

In Zeiten wie diesen, in denen grausame islamistisch oder rassistisch motivierte Anschläge die Berichterstattung dominieren, dringen diejenigen kaum durch, die sich für Grund- und Bürgerrechte einsetzen. Zu überwältigend sind die grausamen Bilder von Tatorten und Opfern, die uns immer wieder beunruhigen. Trotzdem darf nicht vergessen werden, dass sich der religiös oder nationalistisch begründete Terror vor allem gegen offene, rechtstaatlich organisierte Gesellschaften richtet.

Staatliche Überreaktionen

Allzu leicht werden bei der Reaktion auf Gefahren die verfassungsrechtlichen Dämme unterminiert, die uns vor Willkür schützen und damit unsere gesellschaftlichen Werte bewahren sollen. Bisweilen werden sie auch geschleift – wie nach dem 11. September 2001 in den USA – oder durchlöchert. Immer wieder haben Bundestagsmehrheiten die gesetzlichen Befugnisse der Sicherheitsbehörden ausgeweitet und dabei verfassungsrechtliche Grenzen nicht beachtet. Deshalb ist es folgerichtig, dass das Bundesverfassungsgericht hier wiederholt korrigierend eingegriffen hat, etwa bei dem „großen Lauschangriff“ (akustische Wohnraumüberwachung), bei der Vorratsdatenspeicherung oder auch beim heimlichen Ausspähen informationstechnischer Systeme.

Das höchste deutsche Gericht – und in den letzten Jahren auch der Europäische Gerichtshof – haben hier Grenzen aufgezeigt, die auch angesichts terroristischer Bedrohungen gewahrt werden müssen. Werte wie die Menschenwürde und die Wahrung des Kernbereichs privater Lebensgestaltung stehen nicht zu staatlicher Disposition. In seinem jüngsten Urteil vom 20. April 2016 zu den 2009 eingeführten neuen Befugnissen des Bundeskriminalsamts bestätigt das Bundesverfassungsgericht die von ihm aufgestellten Prinzipien. Auch ich sehe mich in meiner seinerzeit als Bundesbeauftragter für den Datenschutz geäußerten Kritik bestätigt.

Feststellungen des Bundesverfassungsgerichts zum BKA-Gesetz

Das Bundesverfassungsgericht stellt in seinem Urteil – 1 BvR 966/09 – insbesondere fest:

  • Viele der von der seinerzeitigen Großen Koalition eingeführten Regelungen zur Terrorabwehr sind unverhältnismäßig, insbesondere soweit sie dem BKA, tief in die Privatsphäre eingreifende Ermittlungs- und Überwachungsbefugnisse einräumen (etwa zur Wohnraum- und Telekommunikationsüberwachung und zur heimlichen Überwachung informationstechnischer Systeme – Stichworte: „Online-Durchsuchung“, „Bundestrojaner“).
  • Den Schutz des Kernbereichs privater Lebensgesetaltung ist auch bei heimlichen Maßnahmen außerhalb einer Wohnung zu beachten; dies ist nicht hinreichend gewährleistet.
  • Besonders kritisch beurteilt das höchste deutsche Gericht die Befugnis des Bundeskriminalamts zur heimlichen Sammlung von Unverdächtigen, die selbst nicht Zielpersonen sind („Kontakt- und Begleitpersonen“), weil gegen sie nicht wegen terrorristischer oder sonstiger schwerkrimineller Aktivitäten ermittelt wird.
    Bei der Übermittlung der heimlich erhobenen Daten an andere in- und ausländische Stellen, insbesondere an Nachrichtendienste, mangelt es an den erforderlichen datenschutzrechtlichen Sicherheitsvorkehrungen.
  • Auch wenn jede einzelne Maßnahme den verfassungsrechtlichen Anforderungen genügen muss, ist eine übergreifende Betrachtung kumolierter bzw. paralleler Überwachungsmaßnahmen erforderlich. Eigene verfassungsrechtliche Grenzen ergeben sich hinsichtlich des Zusammenwirkens der verschiedenen Überwachungsmaßnahmen. Insofern betont das Bundesverfassungsgericht erneut die Bedeutung einer Art „Überwachungsgesamtrechnung“, die der Verwaltungsrechtler Roßnagel schon vor Jahren angemahnt hatte.
  • Die Regelungen zur unabhängigen Kontrolle der Datenverarbeitung des BKA im Vorfeld der Überwachungsmaßnahmen mit hoher Eingriffsintensität – etwa durch Gerichte und durch den/die Bundesbeauftrate für den Datenschutz – ist unzureichend. Auch die Feststellung, ob eine Information dem „Kernbereich“ der Privatsphäre zuzurechnen ist, muss unabhängig erfolgen und darf nicht Mitarbeitern des BKA überlassen bleiben.

Das Bundesverfassungsgericht hat damit in Erinnerung gerufen, dass Verfassungsgrundsätze nicht angesichts politischer Stimmungsschwankungen – so verständlich sie sein mögen – unterminiert werden dürfen. Gerade in Zeiten gesellschaftlicher Krisen und terroristischer Risiken müssen wir Werte und Freiheitsrechte verteidigen. Nur so kann es gelingen, den Gegnern von Freiheit und Menschenwürde nachhaltig und wirksam entgegenzutreten. Es ist zu hoffen, dass diese Botschaft bei den Verantwortlichen in der Politik und in den Behörden auch verstanden wird.

Mit freundlichen Grüßen

Peter Schaar